Berater der Wirklichkeit
Erstveröffentlichung: 24. Mai 2026
Es gibt ein Interview, das mich nicht losgelassen hat. SWR-Intendant Kai Gniffke hat im Gespräch mit dem KNA-Mediendienst Klartext Sätze formuliert, die weit über den Medienbetrieb hinausreichen. Sein Leitgedanke: Journalismus solle Anwalt der Wirklichkeit sein – nicht Anwalt der Schwachen. Ich übersetze das für unsere Arbeit gerne in: Berater der Wirklichkeit. Genau das ist der Anspruch, dem sich Berichterstattung wie Beratung gleichermaßen stellen müssen.
Die Qualität dessen, was uns täglich als Information erreicht, muss sich ändern. Daran führt kein Weg vorbei. Die alte Dramaturgie funktioniert zwar zuverlässig – David gegen Goliath, klein gegen groß, Mensch gegen System. Sie ergibt gute Geschichten, aber kein vollständiges Bild. Unternehmen, die mit Bürokratie, Fachkräftemangel und internationaler Konkurrenz ringen, kommen in dieser Erzählung fast immer als Gegner vor, selten als Akteure unter Druck. Wer das fortwährend so sortiert, verzerrt die Wirklichkeit.
Der Böse ist immer der Unternehmer
Ein gutes Beispiel liefert das Abendprogramm. In nahezu jedem Kriminalfilm ist der Unternehmer der Böse: skrupellos, raffgierig, korrupt. Ich bezweifle stark, dass das der Realität entspricht. Es ist ein Klischee, das sich im kollektiven Bild festsetzt, weil es so oft wiederholt wird. Wer Unternehmertum permanent als moralischen Defekt inszeniert, prägt eine Haltung – und diese Haltung wirkt zurück auf Politik, Gesetzgebung und Stimmung im Land.
Hinzu kommt die Verwechslung von kritischem und kritisierendem Journalismus. Wer möglichst viele Gegenstimmen versammelt, hält das schnell für Kritik. Tatsächlich entsteht meist nur eine False-Balance: zwei Lager, zwei Mikrofone, fertig ist die Debatte. Was fehlt, ist das Verstehen, bevor diskutiert wird. Die Rentendebatte hat Gniffke zu Recht als Beispiel benannt – die Protagonisten standen längst auf der Bühne, bevor irgendjemand den Inhalt durchdrungen hatte.
Andere Meinungen respektieren
Damit verbunden ist eine Frage, die mir besonders wichtig ist: der Respekt vor der anderen Meinung. Er ist nicht Beiwerk, sondern Grundlage unserer Demokratie. Wer politische und wirtschaftliche Akteure regelmäßig herablassend behandelt, wer demokratische Aushandlungsprozesse nur noch als „Streit" beschreibt, beschädigt etwas Substanzielles. Die Beteiligten ringen um die beste Lösung – das ist kein Mangel, das ist Demokratie in Bewegung. Pointierte Überschriften sind kein Freifahrtschein für das Verbiegen der Wirklichkeit.
Auch beim Thema Künstliche Intelligenz hat mich eine Formulierung überzeugt: Wir brauchen mehr Technikfröhlichkeit. Die Diskussion in Deutschland kreist nahezu reflexhaft um Risiken und Nebenwirkungen. Chancen – Fact-Checking, Analyse großer Datenmengen, präzisere Recherche – bleiben unterbelichtet. Am Ende des Prozesses steht ohnehin immer ein Mensch, der prüft, einordnet und verantwortet.
Was Qualität heute noch von Beliebigkeit unterscheidet, ist die Bereitschaft, eigene Fehler offen zu benennen und zu korrigieren. Niemand ist unfehlbar – weder Medien noch Beratungen noch Unternehmen. Auch wir bei der PlattesGroup machen Fehler. Dazu stehen wir. Das ist Teil unserer Genstruktur und unser Verständnis von professioneller Arbeit. Wer Fehler transparent macht, gewinnt Glaubwürdigkeit zurück. Wer sie verschweigt, verliert sie.
Für uns folgt daraus ein klarer Anspruch: Berater der Wirklichkeit zu sein – nicht Anwalt einer Erzählung, die gut klingt, aber die Lage verkürzt. Erst verstehen, dann einordnen, dann entscheiden. In dieser Reihenfolge. Und mit Respekt vor denen, die anderer Meinung sind.