Deutschland – Museum oder Werkstatt?
Erstveröffentlichung: 03. Mai 2026
Es gab eine Zeit, da war eine Reise nach Asien eine Reise in die Vergangenheit. Holzkarren in chaotischen Gassen, staubige Fabrikzäune, schwüle Abgasluft, die einem beim Aussteigen ins Gesicht schlug. Wer heute nach Shenzhen oder Bangalore fliegt, erlebt das genaue Gegenteil. Der Verkehr rauscht leise, weil fast alle Autos und Scooter elektrisch fahren. Wenn man doch einen Verbrenner hört, ist es meistens ein deutsches Auto. Akustische Fossilien mit dem Stern, dem Propeller oder dem VW-Logo.
Diese Beobachtung ist keine Anekdote. Sie ist ein Symptom.
Eines vorweg, weil es den Rahmen für alles Folgende setzt: Jammern ist keine unternehmerische Aktivität. Und ehrlich gesagt sehe ich aktuell nicht, dass die Politik die Weckrufe wahrnimmt, aufsteht und handelt. Wer als Unternehmerin oder Unternehmer auf den großen Befreiungsschlag aus Berlin oder Brüssel wartet, wartet zu lange. Entscheider müssen jetzt handeln – nicht nach der nächsten Reform, nicht nach dem nächsten Gipfel, nicht nach dem nächsten Strategiepapier. Das Warten auf die Politik ist nicht mehr opportun. Verantwortung lässt sich nicht delegieren – schon gar nicht an ein System, das selbst nach Orientierung sucht. Wer heute Wirtschaft gestaltet, gestaltet sie in Eigenregie.
In Shenzhen steigt man am ersten Tag in ein autonomes Flugtaxi. In Guangzhou fährt man mit einem selbstfahrenden Auto durch die Rushhour, gesteuert von Software aus dem Hause Huawei, die VW inzwischen auch in einem eigenen Modell einsetzt. Rentner besuchen Abendkurse zur Künstlichen Intelligenz. Modernisierung ist dort kein Förderprogramm mit dreijähriger Evaluierungsphase. Sie ist Lebensgefühl. Während Deutschland über die Verlängerung des Verbrennerzeitalters und einen Tankrabatt diskutiert, beginnt anderswo eine Revolution, die wir bestenfalls noch beobachten dürfen.
Auch Indien hat sich neu sortiert. Bangalore hat mehr Unicorns hervorgebracht als jede andere Stadt außerhalb der USA und Chinas. Hunderte internationale Konzerne haben dort Forschungszentren aufgebaut. BMW allein beschäftigt 1.800 Software-Ingenieure in der Stadt. Wer junge Talente, kurze Wege und unternehmerischen Hunger sucht, findet das nicht mehr automatisch in München, Stuttgart oder Berlin.
Besonders eindringlich wird das Bild im Kerngeschäft unserer Wirtschaft, der Automobilindustrie. Auf der Pekinger Autoshow zeigen die deutschen Hersteller selbstbewusst ihre neuen Topmodelle. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Die Neuzulassungen von S-Klasse, 7er und Cayenne haben sich in China binnen drei Jahren halbiert. Der gesamte Premium- und Luxusmarkt ist um rund 80 Prozent eingebrochen. Ein neuer Konkurrent, der Maextro S800, eine Kooperation des Autobauers JAC mit Huawei, hat in wenigen Monaten so viele Käufer gefunden wie S-Klasse und 7er zusammen. Bei Elektroautos liegen die deutschen Premiumlimousinen im Quartal nur noch im zweistelligen Bereich.
Die Begründung eines Analysten dazu lautet nüchtern: Wer heute in China ein Premiumprodukt kauft, will das Beste. Im Verbrenner sind die Deutschen noch konkurrenzfähig. Bei der Software, der Reichweite, der Ladegeschwindigkeit, der Kundenerfahrung der jüngeren Generation sind sie es nicht.
Was bedeutet das für Deutschland?
Es geht nicht darum, in Endzeitstimmung zu verfallen. Auch China hat seine Schattenseiten. Die Bevölkerung altert dramatisch, die Überkapazitäten erzeugen einen ruinösen Preiskampf, der Fortschritt findet ohne demokratische Aushandlung statt, ohne freie Presse, ohne Opposition. Das darf man nicht vergessen, während man staunt. Und vieles, was Europa ausmacht – Rechtsstaatlichkeit, soziale Sicherheit, Verlässlichkeit, kulturelle Tiefe – ist ein Wert, der sich nicht in Quartalszahlen ausdrückt.
Aber Werte allein bauen keine Zukunft. Werte tragen nur, wenn sie mit Tempo, Mut und einer klaren Haltung verbunden sind.
Genau hier liegt unsere Verantwortung als Berater, Unternehmer, Entscheider. Es reicht nicht mehr, Vorschriften zu kennen. Es reicht nicht mehr, das Erreichte zu verwalten. Wer Mandanten heute sinnvoll begleitet, muss internationale Strukturierungen denken können, digitale Prozesse verstehen, Daten interpretieren und Entscheidungen vorausschauend einordnen. Wenn ein Gründer aus Shenzhen seine Europa-Zentrale prüft und Deutschland wegen zu hoher Steuern und zu komplexer Bürokratie verwirft – und z.B. nach Osteuropa geht – dann ist das nicht nur seine Entscheidung. Es ist auch unser Auftrag, daraus zu lernen.
Liegt die Zukunft also in Deutschland, in Europa? Ehrlich beantwortet: Nicht von selbst. Sie liegt nur dann hier, wenn wir sie hier bauen. Wenn wir Geschwindigkeit, internationale Perspektive und unternehmerische Substanz wieder ernster nehmen als das nächste Förderprogramm. Wenn wir aufhören, das Museum unserer eigenen Errungenschaften zu polieren, und stattdessen unsere Werkstatt wieder öffnen.
Die Reise nach Shenzhen muss kein Reisebericht über die Zukunft eines anderen sein. Sie kann auch ein Weckruf sein. Das hängt allein davon ab, was wir nach der Rückkehr tun. Da wir aber leider so viele Weckrufe aus verschiedenen Richtungen haben, hoffe ich sehr, dass Deutschland auch bald aufsteht.
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