Deutschland redet. Die Welt handelt.
Erstveröffentlichung: 26. April 2026
Ich berate seit vielen Jahren Unternehmerinnen und Unternehmer. Menschen, die Deutschland mitgeprägt haben. Die wirkkräftig gehandelt haben, als Politiker sich noch verantwortlich fühlten für das, was sie beschlossen. Sie alle haben eine sehr starke Bindung an ihre Heimat. Dort sind ihre Wurzeln. Und ich muss leider sagen: Die Gespräche über Deutschland haben in den vergangenen Jahren einen Ton bekommen, den ich so nicht kannte. Einen Ton, der schmerzt.
Es ist nicht mehr nur Ärger. Es ist Trauer.
Dazu ein aktuelles Beispiel: Diese Woche war Kanzler Merz in Hannover. An seiner Seite: Präsident Lula. Auf dem Tisch: die Frage, wie Deutschland aus der chinesischen Umklammerung bei seltenen Erden herausfindet. Brasilien hält die weltweit zweitgrößten bekannten Reserven. 1.300 deutsche Unternehmen sind dort aktiv. Rund zehn Prozent der industriellen Wertschöpfung Brasiliens tragen deutsche Handschrift. Der rote Teppich war ausgerollt. Unterzeichnet wurde am Ende eine Absichtserklärung zur wissenschaftlich-technologischen Zusammenarbeit. Ein Dokument. Kein Vertrag. Keine Zweckgesellschaft. Keine Abnahmevereinbarung. Keine Mindestpreise. Eine Absicht.
Am gleichen Tag meldete sich die Trump-Regierung zurück – und ich muss diesen Satz tatsächlich so schreiben – mit einem Lehrstück in strategischer Industriepolitik. USA Rare Earth übernimmt den brasilianischen Produzenten Serra Verde für 2,8 Milliarden US-Dollar. Die US-Regierung flankiert den Deal mit bis zu 1,6 Milliarden Dollar Unterstützung. Eine staatlich finanzierte Zweckgesellschaft sichert über fünfzehn Jahre die Abnahme von Dysprosium und Terbium. Mit garantierten Mindestpreisen.
Dysprosium und Terbium – zwei Namen, die kaum jemand kennt. Ohne sie läuft kein moderner Elektromotor. Kein leistungsstarker Windradgenerator. Kein Präzisionsmagnet in Rüstung, Radar oder Luftfahrt. Sie sind die Zutat, die Neodym-Magnete auch bei großer Hitze stabil hält. Ohne sie: keine Elektromobilität im industriellen Maßstab, keine Energiewende, keine moderne Verteidigungstechnik. Sie sind nicht irgendein Rohstoff. Sie sind die stille Voraussetzung für fast alles, was sich in unserer Zukunft drehen soll. Das erklärt, warum Washington 2,8 Milliarden Dollar nicht als Ausgabe verbucht. Sondern als Versicherung.
Das ist der Unterschied zwischen Politik und Protokoll.
Denn was Washington gerade versteht, will in Berlin nicht ankommen: Man bricht chinesische Dominanz nicht mit Gesprächsformaten. Man bricht sie, indem man als Staat verlässliche Nachfrage garantiert. Mit Geld. Mit Laufzeiten. Mit Preisen. Mit einer klaren industriepolitischen Ansage.
Deutschland hat dafür einen Rohstofffonds bei der KfW. Eine Milliarde Euro Gesamtvolumen. Ein Bruchteil dessen, was die USA allein in diesen einen brasilianischen Deal stecken. Verwaltet mit deutscher Gründlichkeit, was in diesem Kontext ein höfliches Wort für „langsam“ ist.
Ich schreibe das nicht, weil ich die Trump-Regierung für ein Vorbild halte. Ich schreibe es, weil ich es kaum noch aushalte, meinen Mandanten zuzuhören und zu spüren, wie ehrlich ihr Kummer ist. Unternehmer, die in Deutschland Arbeitsplätze geschaffen haben. Familien, die dort über Jahrzehnte Steuern gezahlt haben, bis ihnen klar wurde, dass die Rechnung nicht mehr aufgeht. Menschen, die heute auf Mallorca sitzen und sagen: „Wir lieben Deutschland. Wir verstehen es nur nicht mehr.“
Über neunzig Prozent der Weiterverarbeitung seltener Erden liegen heute in chinesischer Hand. Peking nutzt diese Abhängigkeit längst als Waffe. Letztes Jahr standen bereits Bänder still. Für diesen Herbst ist die nächste Verschärfung der Exportkontrollen angekündigt. Rüstungsunternehmen bekommen systematisch keine Genehmigungen mehr.
Das ist keine Prognose. Das ist die Gegenwart.
Und in dieser Gegenwart reist ein deutscher Kanzler nach Hannover, empfängt einen Partner, der uns tatsächlich braucht und will – und bringt eine Absichtserklärung nach Hause. Ich frage mich, was eigentlich noch passieren muss ...
Thorsten Benner, Direktor des Global Public Policy Institute, hat im Handelsblatt beschrieben, was stattdessen nötig wäre: ein Sonderstab nahe am Kanzler, flexible Instrumente, echte Investitionsvolumina, ein europäisches Bündnis mit den richtigen Partnern. Seine Studie mit der Otto-Wolff-Stiftung erscheint im Mai. Der Titel sagt im Grunde alles: „Wege aus der Abhängigkeitsfalle“.
Wir stecken in dieser Falle. Wir wissen, dass wir darin stecken. Und wir reagieren mit einem Dokument, das auf Deutsch „Absichtserklärung“ heißt und auf Portugiesisch vermutlich höflich belächelt wird.
Mein Blick auf Deutschland ist der eines Beraters, der jeden Tag mit Unternehmern spricht, die dieses Land geliebt haben. Die es immer noch lieben. Nur eben anders. Deutschland ist ein großartiges Land. Mit klugen Köpfen. Mit Ingenieurinnen und Ingenieuren, die die Welt gebaut haben. Mit einem Mittelstand, der in Krisen gehalten hat, was Politik nicht halten wollte. Mit einer Zivilgesellschaft, um die uns andere beneiden. Und genau deshalb macht es traurig, zu sehen, wie aus einem Land, das Entscheidungen treffen konnte, ein Land geworden ist, das Dokumente unterzeichnet.
Deutschlands Bilanz in Hannover diese Woche?
Groß in der Geste. Klein in der Zahl. Pünktlich in der Unterschrift. Abwesend in der Strategie. Und das Schlimmste: Niemand wartet. Nicht Lula. Nicht Peking. Nicht Washington. Nicht die Realität. Und, das sage ich mit aufrichtigem Kummer: irgendwann auch die Unternehmer nicht mehr, die es bisher noch immer versucht haben.
Vielleicht ist das am Ende die traurigste Lektion. Nicht, dass wir die Chance verpassen. Sondern, dass wir sie nicht einmal als Chance erkennen. Von Mallorca aus betrachtet, mit Herz für dieses Land und Respekt vor den vielen großartigen Menschen, die es jeden Tag am Laufen halten, fällt mir dazu nur ein Satz ein, den ich über Deutschland lange nicht mehr gesagt habe:
Es tut weh, das mitansehen zu müssen.
Wie der dringend benötigte Reformmotor in Deutschland in Gang kommen kann sowie viele weitere Themen diskutieren wir auf unserem Wirtschaftsforum NEU DENKEN Ende Mai auf Mallorca. Zu den Referenten & Anmeldung
Quellenhinweis: Die im Essay verarbeiteten Fakten zum USA-Rare-Earth/Serra-Verde-Deal, zum KfW-Rohstofffonds, zu den deutsch-brasilianischen Regierungskonsultationen in Hannover sowie zur angekündigten Studie „Wege aus der Abhängigkeitsfalle“ stammen aus dem Gastbeitrag von Thorsten Benner, Handelsblatt, 22.04.2026.