Skip to main content Skip to page footer

Die Ökonomie des Hasses

Ist die Rauchsäule nach dem Raketeneinschlag das neue Logo unserer Zeit?

Erstveröffentlichung: 08. März 2026

KI-Illustration zweier diabolischer Staatenlenker

Ich frage mich in letzter Zeit oft, wann genau es passiert ist. Wann der Hass aufgehört hat, eine Entgleisung zu sein, und stattdessen zur Methode wurde. Zur Staatsräson. Zum Betriebssystem der internationalen Politik.

Von allen Kräften, die eine Massenbewegung konstituieren, ist Hass die am leichtesten zugängliche und die wirkungsvollste. Man braucht keinen Gott, um Menschen in Bewegung zu setzen – aber man braucht einen Teufel. Diese Einsicht ist nicht neu. Doch selten war sie so sichtbar wie heute.

Wohin man auch blickt: Die Welt hat sich in Lager sortiert und jedes Lager hat seinen Teufel gefunden. Die Ajatollahs sind für Trump die Verkörperung des Bösen und er ist es für sie. Putin ist Selenskyjs Teufel – und umgekehrt. China wird zum neuen Feindbild Amerikas stilisiert, Netanjahu sieht sich umringt von Teufelsstaaten. Trump selbst empfindet den Vorhof der USA als eine Art Vorhölle, bevölkert von Widersachern in Kuba, Venezuela und Kolumbien. Man könnte das für Rhetorik halten, für politisches Theater. Aber es hat Konsequenzen, die tödlich real sind. Denn wer im anderen den Teufel sieht, will ihn nicht überzeugen – er will ihn ausrotten. Und so wurden Mittelstreckenraketen, Flugzeugträger und Drohnen zum Mittel der Wahl. Im Fall der Terrorgruppen sind es Handgranaten, Maschinengewehre und Schlachtmesser.

Was mich dabei am meisten beunruhigt, ist das Paradoxe an dieser Feindschaft. Der Teufel ist für alle diese Akteure nicht nur der ärgste Gegner, er ist zugleich ihr treuester Verbündeter. Ohne ihn keine Legitimation, keine Geschlossenheit, kein Durchregieren. Die Figur des Bösen dominiert die Außenpolitik und sichert die Macht nach innen. Deshalb wird die Verteufelung längst auch gegen Andersdenkende im eigenen Land eingesetzt. Trump, die Mullahs, Putin – sie alle teilen diese Methode, so unterschiedlich sie sonst sein mögen.

So ist ein Wetthassen in Gang gekommen, das mit einem globalen Wettrüsten einhergeht. Die Rauchsäule nach dem Raketeneinschlag, ich fürchte, sie ist das Logo unserer Zeit. Nach Hinrichtungen werden Gegner zu den „bösesten Personen der Geschichte“ erklärt, während die andere Seite „gnadenlose Rache“ gegen „Terroristen“ schwört. So wird auf allen Seiten, um mit Stefan Zweig zu sprechen, die Hasstrommel geschlagen.

Und ich gestehe: Ich weiß nicht, wie das aufhört. Ich weiß nicht, ob die heute noch getrennten Kampffelder – in Europa, in Nahost, vielleicht bald im Südchinesischen Meer – sich eines Tages zu dem einen großen Schlachtengemälde vereinen. Was kurzfristig Macht sichert, untergräbt langfristig jede Ordnung. Denn eine Welt, in der jeder im anderen nur noch den Teufel sieht, hat keinen Raum mehr für Diplomatie, Kompromiss oder Vernunft. Am Ende des Wetthassens steht nicht der Sieg einer Seite, sondern die Erschöpfung aller. Die eigentliche Frage unserer Zeit ist daher nicht, wer den stärkeren Feind hat – sondern ob es noch gelingt, den Kreislauf der Verteufelung zu durchbrechen, bevor die getrennten Schlachtfelder zu einem einzigen verschmelzen.

Die aufgeworfenen Fragen verdienen mehr als Lektüre – sie verlangen Diskurs. Beim 9. Wirtschaftsforum NEU DENKEN, erneut in Partnerschaft mit der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC), werden wir sie gemeinsam besprechen. Seien Sie dabei: Zur Anmeldung

Beratungsanfrage

Bitte beachten Sie unsere Honorare
Datenschutzhinweise ansehen
* Pflichtfelder