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Die Selbstentmachtung eines Kontinents

Europa zwischen Moral und Realität.

Erstveröffentlichung: 23. November 2025

Wer Moral über Weitsicht stellt, riskiert Wohlstand und Sicherheit. Diese Erkenntnis ist unbequem – und doch aktueller denn je. Denn die größte Gefahr für Europa ist nicht Putin, nicht Trump, nicht die Globalisierung. Es ist Europa selbst.

Moral ersetzt Strategie

Mit der Ablehnung der Entschärfung der EU-Lieferkettenrichtlinie hat das Europäische Parlament erneut gezeigt, wie weit Anspruch und Wirklichkeit auseinanderliegen. Man redet über Werte, während Wettbewerbsfähigkeit zerbröselt. Man feiert moralische Reinheit – und verliert den wirtschaftlichen Rückhalt, der diese Moral überhaupt finanzieren könnte.

Was einst politisches Gestalten war, ist zur Verwaltung eigener Irrtümer geworden. Einsicht fehlt, dafür umso mehr Überheblichkeit und Dirigismus. Europa verwechselt Führung mit Kontrolle und Verantwortung mit Regelungswut.

Das Muster der Selbstblockade

Was wie eine Reihe isolierter Fehlentscheidungen wirkt – vom Lieferkettengesetz bis zur Energiepolitik – folgt einem Muster: Überregulierung als Ersatz für Weitsicht. Jede neue Abkürzung aus Brüssel – CSDDD, CSRD, CBAM, REACH, ETS II – klingt nach Fortschritt, endet aber im gleichen Dilemma: mehr Kontrolle, mehr Bürokratie, weniger Wettbewerbsfähigkeit.

Kaum messbarer Nutzen, dafür wachsende Kosten. Europa überzieht sich mit moralisch begründeten Vorschriften und verliert dabei die Balance zwischen Anspruch und Realität. Das Ergebnis: ein Kontinent, der sich selbst fesselt – ausgerechnet in einer Zeit, in der Beweglichkeit über Zukunft entscheidet.

Doppelmoral als Schwäche

Die Doppelmoral ist zum Markenzeichen geworden: Wir verweigern den Abbau eigener Rohstoffe aus Umweltgründen, importieren dieselben Materialien aus Regionen, in denen Kinderarbeit und Umweltzerstörung Alltag sind, und belehren anschließend die Welt mit einem Lieferkettengesetz.

Wir sprechen von „nachhaltigen Lieferketten“ und wundern uns, wenn Katar oder die USA mit einem LNG-Stopp drohen, weil wir ihnen unsere moralischen Maßstäbe aufzwingen wollen. Das ist keine Verantwortung – das ist Naivität. Europa verwechselt Idealismus mit Strategie und Moral mit Realität.

Ökonomische Abhängigkeit, politische Ohnmacht

In Wahrheit ist Europa wirtschaftlich verletzlicher als je zuvor. Bei Gas, Chips, Batterien und seltenen Erden ist der Kontinent fast vollständig abhängig von China und anderen Drittstaaten. Diese Abhängigkeit ist das Ergebnis politischer Selbstbeschränkung – nicht äußerer Erpressung. Während andere strategisch investieren, diskutiert Europa über Formulare.

Deutschland demontiert seine Energieinfrastruktur und wird von Brüssel abhängig, das wiederum technokratisch entscheidet, welche Kraftwerke „beihilfefähig“ sind. Ein perfektes Zusammenspiel aus Überheblichkeit und Selbstentmachtung.

Verantwortung braucht Realitätssinn

Europa lebt in einer Realitätsverweigerung, die gefährlicher ist als jede Krise von außen. Moral kann Orientierung geben, aber sie darf Strategie nicht ersetzen. Ohne wirtschaftliche Stärke wird aus Wertepolitik schnell Symbolpolitik – und aus Verantwortung Überforderung.

Ein starker Kontinent erkennt, was ihn trägt: Leistungsfähigkeit, Innovationskraft, Unabhängigkeit. Wenn wir diese Grundlagen opfern, um uns moralisch zu erhöhen, verlieren wir beides – die Moral und die Grundlage, sie zu leben.

Europa muss wieder lernen, Wirklichkeit auszuhalten – und Politik nicht als Ausdruck von Tugend und Moral, sondern von Verantwortung zu begreifen.

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