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"Energieintensive Industrie hat keine Zukunft bei uns"

Was Clemens Fuest offen ausgesprochen hat – und was das bedeutet.

Erstveröffentlichung: 19. April 2026

KI-Illustration Wirtschaftsstandort Deutschland

Es gibt Sätze, die man einmal hört und nicht mehr vergisst. Clemens Fuest, einer der nüchternsten Köpfe der deutschen Wirtschaftswissenschaft, hat auf der Pioneer-Eins-Veranstaltung mit Gabor Steingart einen solchen Ausspruch gesagt. Klar, ohne Ausrufezeichen, fast beiläufig und gerade deshalb wuchtig:

"Wir haben uns entschieden, ein Land zu sein, in dem Energie knapp ist. Was haben wir politisch alle gemeinsam so gewählt? Und die Konsequenzen müssen wir jetzt tragen. Energieintensive Industrie hat keine Zukunft bei uns."

Ich frage mich: Wann hat ein führender deutscher Ökonom zuletzt so klar ausgesprochen, was viele denken, aber kaum jemand zu sagen wagt? Fuest hat nicht angeklagt. Er hat auch nicht dramatisiert. Er hat nur beschrieben, was ist. Und genau darin liegt – für mich zumindest – die eigentliche Sprengkraft dieses Satzes.

Der ehrlichste Satz des Abends

Ich berate seit vielen Jahren Unternehmer und vermögende Privatpersonen nicht selten solche, die Deutschland den Rücken gekehrt haben oder gerade dabei sind, es zu tun. Und ich kann Ihnen sagen: Der Grund ist selten der Fiskus allein. Es ist das Gesamtpaket. Die Energie, die Regulierung, das Gefühl, dass ein System sich selbst im Weg steht.

Fuest liefert dafür den intellektuellen Rahmen. Deutschland hat sich – durch demokratische Entscheidungen, nota bene – dafür entschieden, Energie zu verknappen. Nicht als Nebeneffekt, nicht als Versehen. Als politisches Programm. Die Atomkraftwerke wurden abgeschaltet. Der Ausstieg aus der Kohle beschleunigt. Die Erneuerbaren wurden ausgebaut – aber nicht systemdienlich, wie Fuest zu Recht betont. Stattdessen: Solaranlagen am Ende der Welt, teure Netzkosten, die auf alle umgelegt werden.

Das Ergebnis? Höchste Strompreise in der industrialisierten Welt. Und Fuest sagt es ohne Beschönigung: Das ist nicht reversibel. Neue Kernkraftwerke? Zu teuer. Zu langsam. Sie helfen jetzt nicht.

Ich frage mich, wie vielen Unternehmern dieser Satz tatsächlich in seiner vollen Tragweite bewusst ist. Denn er bedeutet: Die Chemiebranche, der Stahl, die Aluminiumproduktion, Teile des Maschinenbaus – all das hat in Deutschland keine langfristige wirtschaftliche Basis mehr. Nicht weil Deutschland versagt hätte. Sondern weil Deutschland so entschieden hat. Das ist ein fundamentaler Unterschied.

Überregulierung: Das System reguliert sich selbst

Der zweite große Strang des Gesprächs war die Überregulierung – und auch hier hat Fuest ein Bild gefunden, das sitzt. Er beschreibt, wie sinnlose Zertifizierungspflichten für Studiengänge entstanden sind: Weil es inzwischen Zertifizierungsagenturen gibt. Die Abschaffung der Pflicht würde deren Geschäftsmodell zerstören. Also wird sie nicht abgeschafft. Ergo existiert das Sinnlose weiter.

Ich erlebe das Äquivalent davon täglich in meiner Beratungsarbeit – auf der steuerlichen und rechtlichen Seite. Dokumentationspflichten, die Dokumentationspflichten dokumentieren. Compliance-Anforderungen, die Compliance-Anforderungen erzeugen. Ein Geflecht aus Regelungen, das nicht mehr dem Schutz dient, sondern der Selbstreproduktion.

Was Fuest dabei besonders klug beobachtet: Der Ursprung dieser Regulierungsspirale liegt nicht immer beim Staat. Oft kommt der Impuls aus der Privatwirtschaft selbst – von etablierten Akteuren, die durch Regulierung Wettbewerber fernhalten wollen. Der Bürokratieabbau scheitert dann in der Expertenanhörung, wenn die Experten genau jene sind, die vom Status quo profitieren.

Ich frage mich manchmal, ob wir dafür überhaupt noch eine Antwort haben – innerhalb des Systems. Oder ob die einzige ehrliche Antwort lautet: Wer kann, wählt mit den Füßen.

Die EZB und der Reflex des gebrannten Kindes

Ein Gedanke aus dem Gespräch hat mich besonders beschäftigt: Fuests Analyse der möglichen EZB-Reaktion auf den Iran-Krieg und den daraus resultierenden Ölpreisschock. Er vermutet, die EZB könnte zu früh und zu stark die Zinsen erhöhen – nicht aus sachlicher Notwendigkeit, sondern aus institutionellem Trauma. Das Bild des "gebrannten Kindes" trifft es gut: Wer beim letzten Mal zu lange gewartet hat und dafür geprügelt wurde, handelt beim nächsten Mal lieber zu früh.

Für meine Mandanten– Unternehmer, Immobilieneigentümer, Family Offices – bedeutet das eine konkrete Planungsherausforderung. Gerade am spanischen Immobilienmarkt, wo Finanzierungskonditionen in den letzten Jahren volatil waren, ist die Frage, ob die EZB 2026 die Zinsen erhöht oder senkt, keine akademische. Sie entscheidet über Liquidität, über Refinanzierungskosten, über Strukturierungsoptionen.

Fuest gibt keine Prognose – er gibt etwas Wertvolleres: einen Denkrahmen. Die EZB wird im Zweifel straffen. Wer plant, sollte das einpreisen.

Schulden sind keine Investitionen – und umgekehrt

Im Schnellfeuer-Format "Mythos oder Wahrheit?" mit Steingart hat Fuest noch etwas gesagt, dass ich mir notiert habe: Hohe Schulden erzeugen kein Wachstum. Schulden müssen irgendwann zurückgezahlt werden, sie lasten auf zukünftiger Kapitalallokation, sie bremsen. Was Wachstum erzeugt, sind Investitionen – aber nur wenn sie effizient sind. Und das, so Fuest, sind zwei völlig verschiedene Dinge, die im politischen Diskurs gerne vermischt werden.

Als jemand, der täglich mit Vermögensstrukturierung und steuerlicher Planung zu tun hat, kann ich das nur unterstreichen. Die Frage ist nie: Schulden, ja oder nein? Die Frage ist: Wozu, zu welchen Konditionen, mit welchem Return? Und genau das wird im öffentlichen Diskurs über das "Sondervermögen" oder die "Investitionsoffensive" zu selten gefragt.

Was bleibt

Fuest ist kein Pessimist. Er ist Realist und das ist in der aktuellen deutschen Debatte seltener als man denkt. Er klagt nicht. Er erklärt. Und er zieht Konsequenzen, auch wenn diese unbequem sind.

Für uns beim Wirtschaftsforum NEU DENKEN stellt sich die Frage, die Fuest implizit aufwirft: Was bedeutet es, wenn ein Land strukturelle Weichenstellungen getroffen hat, die nicht mehr reversibel sind? Wie reagieren Unternehmer, Familien, Investoren darauf? Und welche Schlussfolgerungen ziehen Privatpersonen, die ihr Vermögen langfristig denken – wenn Deutschland selbst sagt, energieintensive Industrie habe keine Zukunft bei uns?

Ich glaube, wir erleben gerade – leise, unterhalb der Nachrichtenoberfläche – eine fundamentale Neuverortung von Kapital, Talent und unternehmerischer Energie. Nicht weil jemand Deutschland hasst. Sondern weil kluge Menschen auf Signale reagieren. Und Fuests Satz ist ein sehr klares Signal.

“Tut mir leid, ich würde gerne was anderes sagen, aber das haben wir einfach so entschieden. Und jetzt ist es halt so.”

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