Deutschland, beweg dich!
Erstveröffentlichung: 03. April 2026
Prolog: Der Blick von außen
Wer Deutschland von Mallorca aus betrachtet, gewinnt eine eigentümliche Klarheit. Die Distanz von zweitausend Kilometern wirkt wie ein Filter, der das Wesentliche vom Rauschen des Tagesgeschäfts trennt. Seit über zwanzig Jahren lebe und arbeite ich auf dieser Insel, an der Schnittstelle von unternehmerischer Vision und rechtlich-steuerlicher Umsetzbarkeit. Fast täglich führe ich Gespräche mit einer Vielzahl etwas stärker individualisierter Persönlichkeiten – Unternehmer, Investoren, Familienpatriarchen, internationale Entscheidungsträger. Mallorca versammelt diese Menschen in einer Dichte, wie es sie an kaum einem anderen Ort in Europa gibt. Sie alle verbindet eine reichhaltige unternehmerische Vita, die Teilnahme am internationalen Wettbewerb – und zunehmend eine tiefe Verunsicherung über die Zukunft Deutschlands.
Was ich hier niederschreibe, ist kein wissenschaftlicher Aufsatz. Es ist ein Situationsbericht, gespeist aus hunderten Gesprächen und aus der Lektüre kluger Köpfe – unter ihnen Rüdiger Safranski, dessen jüngstes Interview in der Neuen Zürcher Zeitung mir aus der Seele sprach. Der Philosoph benennt, was viele meiner Gesprächspartner intuitiv spüren: Deutschland steckt in einer Lähmung, die nicht bloß politisch ist, sondern tief in die wirtschaftlichen Grundlagen des Landes hineinwirkt. Und es schwingt in diesen Gesprächen noch etwas anderes mit: die Erkenntnis, dass Mobilität – die Fähigkeit, sich zu bewegen – der schärfste Gradmesser für Freiheit ist, den wir haben. Wer sich bewegen kann, hat Optionen. Und Deutschland schränkt diese Optionen in einer existenziell gefährdenden Art zunehmend ein.
Mallorca als Ideenkraftwerk
Es ist kein Zufall, dass so viele dieser Gespräche auf Mallorca stattfinden. Die Insel hat sich für eine wachsende Gruppe internationaler Unternehmer zu etwas entwickelt, das weit über ein Feriendomizil hinausgeht: zu einem informellen Ideen- und Denkraum. Die Gespräche, die hier entstehen, sind ehrlicher, strategischer und oft weitreichender als das, was in formellen Meetings in Frankfurt, Zürich oder Madrid stattfindet. Es ist die besondere Konstellation aus Distanz und Nähe, aus Ruhe und Klarheit, die Mallorca zu dem macht, was es für viele geworden ist: ein Ort, an dem Entscheidungen nicht nur getroffen, sondern Ideen entstehen und durchdacht werden.
Der UBS Global Entrepreneur Report 2026 untermauert, was wir täglich erleben: 61 Prozent der Unternehmer sehen in der Künstlichen Intelligenz die bedeutendste Chance der kommenden Jahre, fast die Hälfte erwägt internationale Expansion, ein Drittel bereitet sich auf einen Exit vor. Diese Themen – KI, Expansion, Nachfolge – greifen ineinander. Wer expandieren will, muss steuerliche Strukturen neu denken. Wer einen Exit plant, braucht weit mehr als einen Kaufvertrag. Genau an diesen Schnittstellen arbeiten wir. Und genau deshalb hören wir so deutlich, was sich in den Köpfen der deutschen Wirtschaftselite verändert hat.
Die wirtschaftliche Erosion: Mehr als eine Delle
Der Grundton in unseren Gesprächen hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Früher kamen die Leute nach Mallorca, um über Expansion nachzudenken, über Wachstumsstrategien. Heute kommen sie, um über Rückzug zu sprechen. Über Standortverlagerung. Über die Frage, ob es überhaupt noch Sinn macht, in Deutschland zu investieren.
Die Zahlen geben ihnen recht. Deutschlands Bruttoinlandsprodukt stagniert, während Spanien, Portugal, sogar Griechenland Wachstumsraten verzeichnen, von denen man in Berlin nur träumen kann. Die Industrieproduktion ist auf das Niveau von 2005 zurückgefallen. Energiepreise treiben energieintensive Industrien aus dem Land. BASF baut in Deutschland ab und in China auf. Das ist kein Zufall, das ist ein Symptom.
Safranski spricht davon, dass Angela Merkel „in Zeiten voller Kassen das Land hat verwahrlosen lassen“. Diese Formulierung finde ich bei meinen Gesprächspartnern immer wieder bestätigt – Menschen, die mit beiden Beinen im internationalen Wettbewerb stehen und aus eigener Erfahrung wissen, wie schnell andere Länder Deutschland den Rang ablaufen.
Steuerliche Realität: Deutschland im europäischen Vergleich
Ich beschäftige mich beruflich auch mit Steuersystemen, und der Vergleich zwischen Deutschland und anderen Ländern ist mittlerweile grotesk. Deutschland hat eine der höchsten Steuer- und Abgabenquoten der Welt. Der Spitzensteuersatz greift bei bescheidenen Einkommen, der Solidaritätszuschlag wurde nie vollständig abgeschafft, die Gewerbesteuer ist ein deutsches Unikum, und die Erbschaftsteuer trifft Familienunternehmen mit einer Komplexität, die nur noch Spezialisten durchdringen.
Währenddessen schaffen andere Länder aktiv Anreize: Spanien mit dem Beckham-Gesetz und der Startup-Ley, Portugal mit dem NHR-Status, Italien und Griechenland mit der Flat Tax für Neuzuzügler. Österreich, Spanien und viele andere Länder ohne Erbschaftsteuer. Diese Länder werben um Talente und Kapital. Deutschland erhöht die Bürokratie und wundert sich, warum die Unternehmer gehen.
Die Steuereinnahmen in Deutschland sind auf Rekordhoch. Aber die Infrastruktur zerfällt, die Digitalisierung stagniert, die Schulen sind marode. Wo geht das Geld hin? Diese Frage stellen sich meine Gesprächspartner ausnahmslos. Stattdessen erleben sie einen Staat, der immer mehr reguliert, immer mehr umverteilt, aber immer weniger in die Zukunft investiert. Das ist ein toxisches Gemisch, das auf Dauer die Substanz eines Landes zerstört.
Die Brandmauer als wirtschaftliches Problem
Ich bin keinesfalls ein Sympathisant der AfD. Ich sage das ausdrücklich, weil es in der heutigen Debattenkultur offenbar nötig ist, sich zu positionieren, bevor man eine sachliche Analyse wagt. Die AfD ist für mich, wie Safranski es formuliert, „keine erfreuliche Erscheinung“ – aber sie gehört ins demokratische Spektrum. Und die Brandmauer-Politik, die ihre Ausgrenzung zementiert, hat unmittelbare wirtschaftliche Konsequenzen, die kaum jemand offen anspricht.
Die CDU hat sich, wie Safranski zutreffend analysiert, „in die Geiselhaft der SPD begeben“. Eine wirtschaftsliberale Politik ist innerhalb der aktuellen Koalitionslogik schlicht nicht möglich. Jede Steuersenkung, jede Deregulierung wird blockiert oder so verwässert, dass sie wirkungslos bleibt. Die Brandmauer wird zum wirtschaftspolitischen Sargdeckel.
Safranski weist auf eine Entwicklung hin, die man nicht leichtfertig abtun sollte: Wenn im Herbst in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern gewählt wird, kann es gut sein, dass dort AfD-Mehrheiten entstehen. Und dann? Dann wird die Brandmauer, wie er es formuliert, „zur neuen Berliner Mauer, bloß vom Westen her errichtet“ – eine Mauer, die gegen die neuen Bundesländer steht. Man schließt eine gewählte Partei vom demokratischen Prozess aus und errichtet damit eine Spaltung, die Deutschland auf Generationen prägen könnte. Es ist ein Wahnsinn, in den man sich da hineinbegeben hat – und er hat nicht nur politische, sondern zutiefst wirtschaftliche Folgen. Denn welcher Investor, welcher Unternehmer setzt auf ein Land, dessen Osten vom Westen politisch abgekoppelt wird?
In Deutschland diskutiert man darüber, mit wem man reden darf. In China, den USA und Indien diskutiert man darüber, wie man Dinge innoviert, gestaltet und baut. Es ist nicht Wut, die meine Gesprächspartner empfinden – es ist müde Resignation.
Die Erosion des Mittelstands
Der deutsche Mittelstand war über Jahrzehnte das Fundament des wirtschaftlichen Erfolgs. Die „Hidden Champions“, jene hochspezialisierten Familienunternehmen, waren der Stolz der Nation. Doch dieses Fundament bekommt tiefe Risse.
Was ich erlebe, ist ein schleichender, aber scheinbar unaufhaltsamer Exodus. Nicht die spektakulären Fälle, die in den Zeitungen stehen – sondern die leisen Entscheidungen, die in Familien fallen: Söhne und Töchter, die das Familienunternehmen nicht übernehmen wollen, weil Bürokratie und Steuerbelastung den Spaß am Unternehmertum genommen haben. Seniorunternehmer, die ihren Betrieb lieber an ausländische Investoren verkaufen, als ihn ihren Kindern zu hinterlassen – weil die Erbschaftsteuer sonst den Betrieb gefährdet. Der Substanzverlust, der dadurch entsteht, geht weit über Kapital hinaus: Es geht um Wissen, Erfahrung, unternehmerischen Geist.
Diese Unternehmer sind keine Steuerflüchtlinge. Sie wollen arbeiten, gestalten, schaffen. Aber sie wollen fair behandelt werden. Und genau dieses Gefühl der Fairness geht in Deutschland verloren.
Der Regulierungswahn: Wenn der Staat sich selbst im Weg steht
Safranski spricht von „Regulierungswahn“ – und obwohl er sich dabei auf Künstliche Intelligenz bezieht, trifft das Wort einen weit größeren Sachverhalt. Deutschland hat sich in ein Dickicht aus Verordnungen, Vorschriften und Genehmigungspflichten verstrickt, das Innovation nicht fördert, sondern erstickt.
In meiner täglichen Praxis erlebe ich den Kontrast in seiner ganzen Schärfe: Was in vielen Ländern in wenigen Wochen erledigt ist – Firmengründung, Steuernummer, Gewerbeanmeldung –, dauert in Deutschland Monate. Die deutsche Bürokratie ist dabei nicht nur langsam, sie ist unberechenbar: Gesetze ändern sich ständig, Durchführungsverordnungen widersprechen einander, die Interpretation variiert von Behörde zu Behörde. Für Unternehmer, die langfristig planen müssen, ist das Gift.
Die Gesellschaft der Erregung
Safranski spricht von einer „Erregungsmasse“, die in der Gesellschaft angestaut werde und „abgefackelt“ werden müsse. In meinen Gesprächen erlebe ich eine Gesellschaft, die ihre Energie zunehmend in moralische Debatten steckt, statt in praktische Lösungen. Statt über Steuerpolitik, Infrastruktur und Wettbewerbsfähigkeit zu diskutieren, dreht sich die öffentliche Debatte um die Frage, mit wem man koalieren und sprechen darf. Das ist, als würde man auf einem sinkenden Schiff darüber streiten, wer am Tisch des Kapitäns sitzen darf.
Von Mallorca aus gesehen, wirkt diese Nabelschau befremdlich. Hier treffe ich täglich Menschen aus ganz Europa. Sie alle schauen mit einer Mischung aus Unverständnis und Mitleid auf Deutschland. Das Land, das einmal die Lokomotive Europas war, ist zum Sorgenkind geworden – nicht, weil es an Talent oder Kapital mangelt, sondern weil es an politischem Mut und an Pragmatismus fehlt.
Mobilität ist Freiheit – und Deutschland schränkt sie ein
Hinter dringend notwendigen Entscheidungen die Resilienz und Transformation betreffen verbirgt sich ein stiller, aber mächtiger Motor: Mobilität. Schon in der Antike war sie Unterscheidungsmerkmal zwischen Freiheit und Knechtschaft. Der Sklave war gebunden an Ort und Aufgabe. Der freie Bürger konnte sich bewegen – räumlich, sozial, politisch. Diese Symbolik hat sich bis heute erhalten: Wer sich in Bewegung setzt, artikuliert einen Anspruch auf Selbstbestimmung.
Die Unternehmer, mit denen ich täglich spreche, denken längst in Rechtsräumen, Steuerzonen, Investmentmärkten. Sie machen von einem elementaren Freiheitsrecht Gebrauch: das eigene Wirken dort zu entfalten, wo es Sinn und Sicherheit verspricht. Wirtschaftliche Mobilität ist keine Beliebigkeit – sie verlangt Planung, Weitblick, Verantwortung. Aber sie schützt vor Zwang.
Und hier offenbart sich der beunruhigende Trend: Während die wirtschaftliche Realität immer mehr Beweglichkeit verlangt, reagiert Deutschland mit Kontrollmechanismen. Wegzugsbesteuerung, verschärfte Meldepflichten, bürokratische Schikanen bei der Wohnsitzverlagerung – die Botschaft lautet: Wer sich bewegt, entzieht sich der Kontrolle. Das ist nicht nur rückwärtsgewandt, es ist gefährlich. Denn es untergräbt das zentrale Versprechen liberaler Demokratien: die Freiheit, über das eigene Leben selbst zu entscheiden.
Deutschland braucht ein neues Mobilitätsverständnis – eines, das Offenheit belohnt statt Abschottung, das motiviert statt straft. Keine Bewegungskontrolle, sondern eine Bewegungskultur. Denn die neue Freiheit ist beweglich: Wer sich heute schützt, sichert, entfaltet, tut dies über Grenzen hinweg.
Zivilisieren statt Dämonisieren
Safranskis zentrale These – man müsse die AfD zivilisieren, statt sie zu dämonisieren – hat eine wirtschaftspolitische Dimension, die oft übersehen wird. Die Dämonisierung führt nicht nur zu politischer Blockade, sie vergiftet das gesellschaftliche Klima, in dem Wirtschaft gedeihen muss. Wenn das Aussprechen unbequemer Wahrheiten zum sozialen Risiko wird, wenn Unternehmer sich nicht mehr trauen, öffentlich über Steuerlast und Überregulierung zu klagen, dann stirbt der öffentliche Diskurs – und mit ihm die Voraussetzung für Innovation.
Kein Erkenntnisproblem – ein Umsetzungsproblem
Ich bin kein Pessimist. Deutschland hat enorme Ressourcen: eine hochqualifizierte Bevölkerung, eine starke industrielle Basis, exzellente Universitäten, eine Lage im Herzen Europas. Und es mangelt wahrlich nicht an Ideen, was zu tun wäre – von Steuerreformen über Entbürokratisierung bis hin zu einem neuen Verständnis von Mobilität als Chance. Die Vorschläge liegen auf dem Tisch, in zahllosen Gutachten, Expertisen und Positionspapieren. Was Deutschland hat, ist kein Erkenntnisproblem. Was Deutschland hat, ist ein Umsetzungsproblem. Und dieses Umsetzungsproblem ist politisch gewählt.
Es muss sich radikal etwas ändern. Nicht irgendwann, nicht schrittweise, nicht nach der nächsten Legislaturperiode. Jetzt. Safranski fordert einen „Ruck durch die Gesellschaft“. Dem kann ich nur zustimmen. Aber ein Ruck entsteht nicht durch Kommissionen und Koalitionsverträge. Er entsteht, wenn der Leidensdruck groß genug ist – und wenn diejenigen, die etwas zu verlieren haben, den Mut finden, laut zu werden.
Epilog: Von Mallorca aus gesehen
Ich beende diesen Text am frühen Abend auf meiner Terrasse auf Mallorca. Die Sonne steht tief über dem Mittelmeer. Es ist ein Moment des Friedens, der im Kontrast steht zu dem, was ich beschrieben habe. Und doch ist es genau diese Distanz, die den klaren Blick ermöglicht. Mallorca ist für mich nicht nur Wahlheimat – es ist ein Entscheidungsraum und Ideenkraftwerk, ein Ort, an dem Gedanken reifen können, weil die Hektik des Alltags sie nicht mehr erstickt.
Deutschland ist meine Heimat. Das Land, das mich geprägt hat, dem ich vieles verdanke. Gerade deshalb kann ich nicht schweigen. Safranski vergleicht die Brandmauer gegen die AfD mit der Berliner Mauer, „bloß vom Westen her errichtet“. Ein drastisches Bild, das einen Nerv trifft. Denn Mauern – gleich welcher Art – haben noch nie Probleme gelöst. Und das gilt nicht nur für politische Brandmauern, sondern auch für die unsichtbaren Mauern aus Bürokratie, Misstrauen und Kontrollwahn, das Deutschland um seine Wirtschaft errichtet hat.
Ich hoffe und wünsche mir, dass Deutschland wieder den Weg findet für Offenheit, für neue Ideen, für unbequeme Wahrheiten, für eine Bewegungskultur, die Mobilität als Freiheit begreift. Denn eines ist gewiss: Die Welt wartet nicht auf Deutschland. Und die Geschichte, wie Safranski uns erinnert, bewegt sich „anders, als man es eigentlich will“. Es liegt an Deutschland selbst, ob es diese Bewegung gestaltet – oder von ihr überrollt wird.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gesegnetes und friedvolles Osterfest. Möge meine österliche Botschaft der Erneuerung uns daran erinnern, dass nach jeder Starre neues Leben möglich ist – wenn wir den Mut haben, uns zu bewegen.
Ihr Willi Plattes
Mallorca, Ostern 2026