David Reger: "Der Markt der Robotik wird größer als alles, was es derzeit gibt"
01. Mai 2026
Das Stichwort lautet kognitive Robotik: Regers Vision ist es, intelligente Maschinen zu entwickeln, die Menschen in Industrie und Alltag unterstützen und neue Möglichkeiten der Automatisierung eröffnen. Der Gründer und CEO von Neura Robotics betont, dass Europa im Wettbewerb mit den USA und China stärkere Eigenständigkeit entwickeln müsse. Robotik und KI seien dafür Schlüsseltechnologien. Reger ist einer von mehr als 40 Referenten bei der 9. Ausgabe des Wirtschaftsforums NEU DENKEN vom 28. bis 30. Mai im Castillo Hotel Son Vida in Palma.
In China hat gerade ein humanoider Roboter im Halbmarathon gegen menschliche Teilnehmer gewonnen und einen neuen Rekord aufgestellt. Spiegelt so eine Nachricht wider, was derzeit in der Robotik passiert?
Ja, definitiv. Wir sehen natürlich nicht nur beim Thema Laufen große Fortschritte, die Entwicklung ist derzeit insgesamt extrem schnell. Wir stehen kurz davor, Roboter für nahezu jede physische Aufgabe zu befähigen, für Tasks, die bisher nur Menschenausführen konnten.
Spielt in Sachen Robotik aktuell in China die Musik?
Grundsätzlich ist China sehr gut aufgestellt im Bereich Robotik und Physical AI. Der Staat hat das Ziel ausgegeben, bis 2030 eine große Zahl intelligenter Roboter in den eigenen Markt zu bringen. Warum? Weil China bis dahin voraussichtlich rund 80 Millionen Arbeitskräfte fehlen werden und darauf reagieren muss. In Deutschland oder Europa fehlt uns ein solches Kernziel, auch wenn wir von NEURA Robotics das natürlich klar vor Augen haben und immer wieder betonen. Wichtig ist in Deutschland vor allem das Mindset - und da passiert gerade etwas.
Der Zug in Sachen Robotik ist in Europa also noch nicht abgefahren?
Definitiv nicht, auch wenn heute bereits viele humanoide Roboter in China in den Markt gehen. Es kommt stark auf Sensorik und Computerarchitektur an, und da sind die Chinesen genauso weit wie wir. Genau jetzt ist in Europa der richtige Moment. Auch die Wirtschaft bei uns hat das verstanden. Das sehen wir an den Partnerschaften, an dem Push und auch an der Aufmerksamkeit, die wir derzeit bekommen. Gleichzeitig sitzen hier in Europa nach wie vor die nötigen Talente und Köpfchen, die einen neuen Standard schaffen können, den wir brauchen. In solchen Entwicklungsfragen sind wir ziemlich gut. Aber wir müssen loslegen und Gas geben.
Woran genau machen Sie diesen Push fest?
Ich war gerade auf der Hannover Messe, also der Messe für Produktionstechnologien, Automatisierung, Energie, Digitalisierung und Zukunftstechnologien. In den vergangenen Jahren war ich ehrlich gesagt recht enttäuscht davon, wie wenig Innovationen und Fortschritt etwa auch bei deutschen Maschinenbauern zu sehen waren. Das war dieses Jahr anders, ich habe sehr viel Mut wahrgenommen. Alle Big Player haben etwas Tolles mit KI vorgestellt, humanoide Roboter waren ein wichtiges Thema. Auch die Politik lädt uns ein, gerade saß ich mit Wirtschaftsministerin Katherina Reiche zusammen. Vertreter unserer Branche sind derzeit überall als Gäste willkommen, auch wenn sich diese Haltung vielleicht noch nicht in den öffentlichen Investitionen widerspiegelt.
Was genau muss passieren für optimale Rahmenbedingungen? Mal abgesehen vom Bürokratieabbau …
Über die Bürokratie reden wir oft, weil man auf diese Weise schnell einen Schuldigen zur Hand hat. Die Politik wird aber nicht für uns die Roboter entwickeln. Natürlich brauchen wir Aufmerksamkeit und natürlich auch weniger Gießkanne bei öffentlichen Investitionen, mehr wirklichen Fokus auf Märkte, die das Potenzial haben, unser Land wirtschaftlich in der Zukunft tragen zu können. Ich erwarte von der Politik, dass sie den Menschen ein klares Ziel vorgibt. Die nötigen Skills haben wir in Deutschland und in Europa, aber bei den Unternehmern brauchen wir auch einen Mindset Change: mehr Verantwortung, weniger Ausreden, einfach mal mutig sein und tun. Die Robotik ist in meinen Augen eine der letzten Chancen, mit der wir als Land noch weiter wirtschaftliche Relevanz in der Welt haben können. Und wenn wir diesen Zug verpassen, ist es vorbei. In unserem Unternehmen spüre ich diesen Ehrgeiz, und wir haben eine Vision. Wir wissen genau, wo wir hin wollen und was wir für unser Land erreichen können. Und so ein klares Ziel brauchen wir auch in Deutschland und ganz Europa. Nur dann gelingt es, die nötigen Opfer zu bringen. Ich kämpfe so sehr dafür, weil ich nach der Zeit, in der ich in den USA gelebt habe, ein gesundes Sozial- und Rentensystem zu schätzen weiß. Diese Erfahrung hat meine Kräfte geweckt. Viele junge Leute reden Deutschland schlecht, weil ihnen diese Perspektive fehlt.
Sie sagen, Robotik wird größer als Smartphones. Eine Zuspitzung?
Nein. Der überwiegende Teil der weltweiten Wirtschaftsleistung wird durch Menschen erwirtschaftet, die körperliche Arbeit verrichten. Und wenn wir sehen, was in den Labs gerade passiert, dann ist absehbar, dass Robotik in der Zukunft grundsätzlich alle physischen Tätigkeiten übernehmen kann. Dieser Markt wird größer als alles, was es derzeit gibt. Genau bei dieser physischen Arbeit werden uns in Deutschland die Menschen fehlen. Es gehen deutlich mehr Menschen mit Skills in Rente als neue hinzukommen, viele Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt. Wenn wir einen Wirtschaftsaufschwung hinbekommen wollen, dann müssen wir das Problem der fehlenden Arbeitskräfte lösen. Wir werden viele Roboter in allen Bereichen des Lebens haben. Und das wird schneller und drastischer kommen, als man denkt, weil es in einer Übergangszeit nicht die volle Autonomie braucht. Knöpfe drücken, Schalter umlegen, Bauteile in die Maschine einlegen – wie schnell Roboter das lernen, kann ich unseren Partnern live zeigen. Es braucht keine Veränderungen in der Umgebung: Mensch raus, Roboter rein, und die Arbeit läuft weiter, rund um die Uhr.
Fehlen uns auch die Fachkräfte für die Umsetzung der Robotik-Innovationen?
Ich glaube, dass Spezialisten in Zukunft nicht mehr in der heutigen Form gebraucht werden. Ich brauche nach wie vor Menschen im Training, aber das Prompten wird immer einfacher werden. Während Roboter spezialisierte Aufgaben übernehmen, werden Menschen wieder stärker für zwischenmenschliche Aufgaben gebraucht. In den kommenden fünf Jahren werden wir noch nicht genügend Roboter in der Masse haben, aber dann legt sich der Schalter um. Das ist gerade wie in der Anfangszeit des Internet: Es werden neue Dinge entstehen, die wir heute noch gar nicht kennen. So wie man sich vor Einführung des Traktors nicht vorstellen konnte, dass man nicht mehr auf dem Feld arbeiten würde. Auch jetzt kommt es wieder auf das Mindset an, darauf, nicht nur die Gefahren, sondern auch die Chancen zu sehen. Wie viele Menschen wollen heute noch physisch arbeiten? Und auch die Rollenverteilung im Haushalt wird neu geregelt werden. Wir streiten darüber, ob Frau oder Mann – dabei wird in Zukunft vieles der Roboter erledigen.
Wann wird Robotik so bezahlbar sein, dass wir alle einen Bügelroboter zu Hause haben?
Das hängt von Stückzahl und Markt ab und wird in der Übergangsphase zunächst ein Luxusgut sein – so wie früher Computer oder Handys. Momentan planen wir damit, dass ein Haushaltsroboter etwa 10.000 bis 15.000 Euro kostet, vergleichbar mit einem teuren E-Bike. Es wird ein Gebrauchtmarkt entstehen, es werden sich Leasingmodelle entwickeln. Wer hätte sich früher vorstellen können, dass heute auch Menschen in ärmeren Ländern allesamt ein Smartphone besitzen?
Haushalt, Industrie, Pflege, Rüstung – wo sehen Sie das größte Potenzial?
Wir bei NEURA fokussieren uns auf das, was kompliziert ist und wo Deutschland eine große Rolle spielen und gewinnen kann. Und das ist die Industrie. In diesem Bereich hat physische Arbeit den größten Anteil an der Wirtschaftsleistung. Haushaltsrobotik ist dagegen vergleichsweise einfach. Das sind aus meiner Sicht sehr strukturierte, ähnliche Aufgaben, die sich mit Hilfe von KI leicht lösen lassen. In der industriellen Fertigung dagegen braucht es viel Know-how rund um die Prozesse. Darin sehen wir großes Potenzial und arbeiten an einer skalierbaren Plattformlösung. Hier kennen wir uns am besten aus, und wir sind sehr weit vorangekommen. Jetzt ist die Zeit, dass wir in Deutschland und Europa etwas entwickeln, was andere noch nicht haben. Wenn wir das schnell genug in den globalen Markt skalieren, ist es auch nicht mehr zu stoppen.
Jeder kennt inzwischen generative KI. Warum ist auch der Begriff Physical AI von fundamentaler Bedeutung?
Physical AI darf nicht mit klassischen Vision-Language-Action-Modellen verwechselt werden, die Bilder und Sprache analysieren und daraus Handlungen ableiten. Physical AI ist sozusagen ein Gehirn, das grundsätzlich die Physik versteht und die Fähigkeit mitbringt, auf Bewegungen zu reagieren. Ein Gehirn allein ist aber nicht die Lösung für alles. Beispiel Schwimmen: Das lernt man nicht, indem man ein Jahr lang ein Video anschaut. Das funktioniert nur zu einem kleinen Teil über das Gehirn, sondern vielmehr über das Nervensystem, Reflexe und Selbstwahrnehmung. Wenn wir ein Glas mit Wasser füllen wollen, muss das Gehirn nur die Aufgabe stellen. Aber bei einem reinen Vision-Modell ohne Reflexe der Finger würde das Glas einfach aus der Hand rutschen. Da wir aber ein echtes physikalisches Modell bauen, nutzen wir diesen Reflex, der auf die Shear Forces – also sogenannte Scherkräfte – an den Fingerspitzen reagiert. Wenn bemerkt wird, dass sich diese Kräfte erhöhen, schnappt das System reflexartig weiter zu. Das ist bei den meisten Montageaufgaben entscheidend. Unser Modell funktioniert wie ein Gehirn, das die Situation versteht und entsprechend reagiert.
Und was hat es in diesem Kontext mit dem Robotik-Ökosystem auf sich?
Wenn wir versuchen würden, alle Aufgaben direkt im Roboter zu lösen, wäre das ineffizient und würde sich am Markt nicht durchsetzen. Der eigentliche Vorteil liegt in der Ebene darüber – unserer Plattform und dem dazugehörigen Ökosystem, das wir Neuraverse nennen. Diese Plattform verfügt über einen zusätzlichen Layer, in dem das Gesamtwissen gebündelt und alles gesteuert wird. Hier liegen auch die Skills für verschiedenste Aufgaben, da die Rechenleistung direkt am Endgerät heute noch limitiert ist. Man kann sich das wie ein externes Gehirn mit einem Langzeitgedächtnis vorstellen. Dieser Layer verbindet sich zudem mit anderen Sensoren und Systemen. Wir nennen dieses Orchestrierungstool „Aura“. Es agiert als eine Art übergeordneter Agent, der über den einzelnen Roboter hinausgeht, Informationen sammelt und Aufgaben zuteilt.
Neben der Technik müssen auch Antworten auf ethische Fragen gefunden werden. Würden Sie Ihre Eltern oder Ihre Kinder von einem Roboter betreuen lassen?
Ja, sobald ein solcher Roboter Marktreife hat. Wir haben hier zum Beispiel Roboterhunde, auf denen meine Töchter gerne herumreiten, wenn sie samstags in die Firma kommen. Da gibt es eine sichere Elektronik und eine klare Risikominderung – ich weiß, was technisch passieren kann und was nicht passieren kann. Eine Gefahr sehe ich im Fall vollständiger Autonomie in der Robotik, wenn der Roboter alleine entscheidet, was er wann und wie tut. Das ist auch einer der Gründe, warum wir uns komplett aus dem Defense-Bereich heraushalten. Die grundlegende KI muss zu hundert Prozent vertrauenswürdig sein. Ich bin fest davon überzeugt: Wenn Unternehmen bereit sind, ihre Technologien für militärische Zwecke bereitzustellen, schwindet die Vertrauenswürdigkeit dieser Technik insgesamt. Das Problem ist, dass oft dieselben Software-Stacks verwendet werden, also dasselbe digitale Innenleben. Einem Roboter beizubringen, Menschen zu bekämpfen, und ihn gleichzeitig im Kinderzimmer zur Betreuung einzusetzen, ist ein gewaltiger Widerspruch. Ich sehe darin eine große Barriere und eine echte Gefahr. Um es mit einem alten Sprichwort zu sagen: Aus einer Quelle kann nicht gleichzeitig Süßwasser und Salzwasser fließen. Wir müssen hier sehr wachsam sein. Und wir sorgen als Unternehmen dafür, dass diese Grenzen gewahrt bleiben.
Wirtschaftsforum NEU DENKEN 2026: Infos, Referenten und Anmeldung
Podcastfolgen zum Thema
Weiterführende Informationen zum Thema
-
Vorschau auf das 9. Wirtschaftsforum NEU DENKEN 2026: Orientierung in Zeiten der geopolitischen Abrissbirne
Vom 28. bis 30. Mai kommen im Castillo Hotel Son Vida wirtschaftliche und politische Entscheider zusammen – erneut in Kooperation mit der Münchner Sicherheitskonferenz. Eine Vorschau auf die Themen und Fragestellungen.
News - 10. März 2026
...mehr