„Die Strompreise werden weiter steigen“
Steigende Energiepreise sind längst kein kurzfristiges Phänomen mehr. Spätestens seit der Eskalation rund um den Iran und der angespannten Lage an der Straße von Hormus zeigt sich, wie stark geopolitische Entwicklungen die internationalen Energiemärkte beeinflussen – mit direkten Auswirkungen auf Gas- und Strompreise in Europa.
In dieser Folge des Willi-pedia Podcasts spricht Markus Baumann, Gründer und CEO von Aurivolt Energy, mit Podcast-Producerin Timothea Imionidou über die aktuellen Entwicklungen im Energiemarkt. Aurivolt Energy ist einer der Partner der 9. Ausgabe unseres Wirtschaftsforums NEU DENKEN Ende Mai auf Mallorca.
Im Mittelpunkt des Gesprächs stehen die Zusammenhänge zwischen geopolitischer Lage, Gaspreisentwicklung und Stromkosten in Europa. Gleichzeitig wird deutlich, welche Rolle Batteriespeicher künftig für Netzstabilität, Versorgungssicherheit und planbare Energiekosten spielen können. Gerade für mittelständische Unternehmen gewinnen Photovoltaik und Speicherlösungen an Bedeutung, um sich unabhängiger von volatilen Energiemärkten zu machen. Auch aus Investorensicht entstehen neue Perspektiven: Dezentrale Speicherlösungen entwickeln sich zu einem eigenständigen Investmentsegment innerhalb der Energiewende.
Die Folge ordnet die aktuellen Entwicklungen ein und zeigt, warum Energie heute weit mehr ist als ein Kostenfaktor – nämlich ein zentraler Bestandteil unternehmerischer Zukunftsstrategien angesichts einer zunehmend unsicheren Weltlage.
Geopolitische Krisen und ihren globalen wirtschaftlichen Auswirkungen sind ein Themenkomplex des Wirtschaftsforums NEU DENKEN. Zu den brennenden Fragen der Zeit erwarten wir im Castillo Hotel Son Vida in Palma hochkarätige Referenten und Diskussionsteilnehmer - darunter Politikvertreter aus vorderster Reihe, Gäste aus Washington, Nahost, Indien, Venezuela, der Ukraine und natürlich aus Berlin sowie Vorreiter der wirtschaftlichen Transformation. Die Liste der Referentinnen und Referenten sowie die Möglichkeit zur Anmeldung finden Sie auf unserer Eventseite.
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Timothea Imionidou
Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe unseres Willi-pedia Podcasts. Heute sprechen wir über ein Thema, das aktuell viele Unternehmer beschäftigt: die steigenden Energiepreise. Ich freue mich sehr, dass Markus Baumann heute wieder bei uns auf Mallorca zu Gast ist. Herr Baumann ist Gründer und CEO von Aurivolt Energy, und wir haben bereits vor ein paar Monaten miteinander gesprochen. Damals ging es vor allem um Batteriespeicher als Investmentlösung und deren Rolle im deutschen Strommarkt. Umso spannender ist es heute, daran anzuknüpfen und zu schauen, was in den letzten Monaten passiert ist. Hallo Herr Baumann. Wir starten noch einmal für die Zuhörer, die die letzte Folge vielleicht nicht gehört haben. Am besten erklären Sie uns noch einmal kurz, was genau Aurivolt Energy aktuell macht und woran Sie derzeit besonders intensiv arbeiten.
Markus Baumann
Vielen Dank, dass ich noch einmal da sein darf. Gerne erkläre ich, was wir tun. Alle kennen das Thema: Wir haben viele regenerative Energien, speziell in Europa und Deutschland. Wir haben viel Photovoltaik-Einspeisung und sehr viel Windenergie. Das sorgt dafür, dass wir mittags zu viel Strom im Netz haben und abends zu wenig. Dadurch werden Photovoltaikanlagen teilweise abgeschaltet. Teure Investitionen werden damit teilweise entwertet.
Das kann man sehr gut mit Flexibilitäten im Markt lösen, sprich mit Batteriespeichern. Diesem Thema haben wir uns verschrieben. Wir machen allerdings ein bisschen etwas anders. Das werden viele Zuhörer vielleicht auch aus der Presse kennen. Batteriespeicherprojekte sind in aller Munde. Gleichzeitig haben wir eine Flut von Anfragen in den Netzen. Die Netzbetreiber sind darauf nicht vorbereitet, die Netze ebenfalls nicht. Deshalb stocken aktuell viele Projekte. Ich möchte jetzt nicht zu tief auf die politische Situation eingehen, wo sich gerade viel verändert und die Finanzierung solcher Projekte teilweise unsicher geworden ist. Was wir anders machen: Wir bauen kleine Batteriespeicher im Niederspannungsnetz – direkt an den Orten, an denen viel Photovoltaik eingespeist wird und viel Strom entnommen wird, nämlich in Gewerbegebieten und Mischgebieten. Das heißt, wir bauen kleine Speicher, platzieren sie lokal und entlasten damit die Netze vor Ort. Das Spannende daran ist: Wir machen damit die Energiewende mit finanzierbar. Wir verkaufen diese Speicher an Investoren. Das sind in der Regel Unternehmer und Besserverdienende, die einzelne Speicher erwerben. Wir betreiben diese Speicher anschließend im Stromnetz für die Investoren. Die Speicher funktionieren wirtschaftlich so, dass wir mittags günstigen Strom einkaufen und damit die Batterien laden. Abends, wenn der Strom teurer ist, entladen wir wieder. Damit verfolgen wir zwei Ziele: Erstens haben wir ein sehr gutes Investment geschaffen. Zweitens können wir die Netze stark entlasten und den Ausbau regenerativer Energien weiter fördern.
Timothea Imionidou
Und für den Konsumenten macht das wahrscheinlich auch preislich einen Unterschied.
Markus Baumann
Ja, klar. Es wird dauerhaft die Strompreise senken. Diese Preisspreads – mittags zu viel Strom, abends zu wenig – sorgen aktuell für hohe Preise. Je mehr Flexibilitäten im Markt vorhanden sind, desto stärker kann man den Preis drücken. Auch der Netzausbau erhöht den Strompreis. Mit Batteriespeichern, die privat finanziert sind – seien es unsere kleinen oder auch großen Speicher – kann man den Netzausbau zumindest teilweise reduzieren. Besonders gilt das für dezentrale Speicherlösungen.
Timothea Imionidou
Wir haben zuletzt Ende Januar gesprochen. Was hat sich seit unserem letzten Gespräch im Energiemarkt verändert? Da ist ja einiges passiert.
Markus Baumann
Ja, es ist einiges passiert. In Deutschland verändert sich aktuell sehr viel bei den Vorschriften. Das ist ein typisches bürokratisches Thema. Auch Lobbyarbeit spielt eine Rolle, etwa beim Thema Gaskraftwerke. Außerdem sind Reformen im Netz geplant. Das möchte ich hier aber nicht zu ausführlich vertiefen. Ein sehr aktuelles Thema ist der Iran-Konflikt und die zeitweise geschlossene Straße von Hormus. Wir haben gesehen, welche Auswirkungen das auf die Energiemärkte hat. Viele denken dabei zuerst an Gas und Öl, aber das wirkt sich später auch auf den Strommarkt aus.
Timothea Imionidou
Welche Bedeutung hat diese Region für die internationalen Energiemärkte?
Markus Baumann
Eine sehr große Bedeutung. Ich habe die genaue Zahl nicht im Kopf, aber etwa 20 Prozent des weltweiten Öl- und Gastransports laufen durch die Straße von Hormus. Das ist mehr, als viele erwartet haben. Man sieht an den Märkten sehr deutlich, wie stark sich das auswirkt. Das zeigt auch, dass Deutschland weiterhin zu abhängig von fossilen Energieträgern ist.
Timothea Imionidou
Warum betrifft diese geopolitische Lage zunehmend auch den Strommarkt in Europa?
Markus Baumann
Das ist relativ einfach erklärt. Wir arbeiten im Stromsystem immer noch stark mit Gaskraftwerken. Und in Europa setzt der teuerste Einspeiser den Strompreis – aktuell sind das häufig die Gaskraftwerke.
An sonnigen Tagen brauchen wir sie kaum. Abends jedoch springen sie an. Wenn sich gleichzeitig die Gaspreise verdoppeln, steigt automatisch auch der Preis der eingespeisten Kilowattstunde. Das sehen wir bereits im Future-Energiemarkt. Diese Entwicklung wird sich in den Strompreisen widerspiegeln.
Timothea Imionidou
Wann wird man das deutlich merken?
Markus Baumann
Das wird in den nächsten Monaten passieren. Selbst wenn sich die Lage in der Straße von Hormus kurzfristig beruhigt, wird das nachwirken. Öl- und Gasreserven müssen wieder aufgebaut werden. Außerdem sehen wir bereits steigende Preise an den Tankstellen.
Ich möchte keine exakten Prognosen abgeben, aber ich gehe davon aus, dass wir in den kommenden Monaten steigende Strompreise sehen werden. Besonders für mittelständische Unternehmen ist das natürlich eine große Herausforderung.
Timothea Imionidou
Die Unternehmen spüren die steigenden Energiepreise also zunehmend im Alltag. Energie wird damit immer stärker zu einem strategischen Thema für Unternehmer.
Markus Baumann
Genau. Wir hören aktuell von vielen Unternehmern, besonders aus energieintensiven Branchen, dass die Nachfrage nach Photovoltaikanlagen deutlich steigt. Viele sagen: Den Ölpreis habe ich nicht im Griff, den Gaspreis auch nicht und den Strompreis ebenfalls nicht. Aber meine eigene Photovoltaikanlage oder mein Speicher zur Lastspitzenkappung ist kalkulierbar. Das macht unabhängiger. Gleichzeitig sehen wir aktuell eine stark steigende Nachfrage nach Speichern im Industriebereich. Auch im Photovoltaikbereich steigen wir stärker ein. Das war ohnehin geplant, wird jetzt aber beschleunigt, weil die Nachfrage so hoch ist. Aktuell haben wir eine Nachfragesituation wie seit 2023 nicht mehr – also seit Beginn des Ukrainekonflikts. Die Nachfrage nach Photovoltaik und Speichern liegt inzwischen sogar darüber.
Timothea Imionidou
Das bietet ja auch Versorgungssicherheit und Kostenkontrolle.
Markus Baumann
Genau. Das ist das, was viele Unternehmen aktuell suchen. Gleichzeitig ist das Marktumfeld nicht ganz einfach. Durch Änderungen im EEG werden negative Stunden bei Photovoltaikanlagen aktuell nicht vergütet. Anlagen werden häufiger abgeregelt. Das wird sich kurzfristig auch nicht verbessern. Deshalb sind Speicher so wichtig. Je mehr Speicher im Markt vorhanden sind, desto stärker steigt mittags die Nachfrage nach Strom. Dadurch lohnt sich Photovoltaik wieder mehr, und negative Stunden werden reduziert. Wenn Photovoltaik und Speicher kombiniert werden und der Betrieb den Strom selbst nutzt, hat das mittlerweile einen echten Effekt auf die Energiekosten von Unternehmen.
Timothea Imionidou
Vielleicht noch einmal gezielt aus Investorensicht: Warum werden Speicher gerade in der aktuellen geopolitischen Situation besonders interessant für Investoren?
Markus Baumann
Im Prinzip gibt es zwei Gründe. Erstens habe ich als Investor ein relativ sicheres Investment. Der Strommarkt lässt sich für zehn bis zwölf Jahre gut prognostizieren. Wir arbeiten mit einem Institut in Berlin zusammen, das Strommarktszenarien erstellt. Dabei werden Elektromobilität, politische Entwicklungen, Photovoltaikzubau und Gaskraftwerke berücksichtigt. Dadurch lassen sich Entwicklungen mit einer gewissen Genauigkeit abschätzen. Wir wissen außerdem, dass die Negativstunden im Markt weiter zunehmen werden, weil wir nicht genug Speicher bauen können, um mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien Schritt zu halten. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Photovoltaik weiter. Das bedeutet noch mehr Stromüberschüsse mittags. Damit ergibt sich für Investoren ein attraktives Szenarioumfeld mit gesicherten Einnahmemöglichkeiten über die Strommärkte. Gleichzeitig verbessert sich auch die Wirtschaftlichkeit von Photovoltaikanlagen.
Timothea Imionidou
Sicherheit ist also ein zentrales Thema.
Markus Baumann
Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit sind zentrale Themen – besonders für den Mittelstand in Deutschland. Wir sehen bereits, dass Unternehmen ins Ausland abwandern, etwa nach Tschechien, weil dort die Kosten niedriger sind. Strom ist dabei ein entscheidender Faktor.
Timothea Imionidou
Wenn wir jetzt mal nicht auf zehn bis zwölf Jahre schauen, sondern nur auf die nächsten zwölf bis vierundzwanzig Monate – mit welchen Entwicklungen rechnen Sie?
Markus Baumann
Ich rechne auf jeden Fall mit weiter steigenden Strompreisen. Natürlich hat der Iran-Konflikt gezeigt, dass geopolitische Ereignisse Prognosen erschweren. Aber grundsätzlich sehen wir langfristig steigende Preise.
Wir bauen zwar viele erneuerbare Energien aus, kommen aber beim Ausbau der Speicher nicht hinterher. Dadurch steigen die Negativstunden mittags weiter an, während die Preise abends hoch bleiben – insbesondere durch geplante Gaskraftwerke. Außerdem muss massiv in den Netzausbau investiert werden. Diese Kosten werden sich in den Netzentgelten widerspiegeln. Ich kann mir deshalb nicht vorstellen, dass wir in den nächsten drei bis fünf Jahren sinkende Strompreise in Deutschland sehen werden.
Timothea Imionidou
Welche Rolle wird Aurivolt Energy dabei spielen?
Markus Baumann
Unsere Rolle wird sein, das größte virtuelle Speicherkraftwerk in Deutschland aufzubauen und damit aktiv gegen Negativstunden zu arbeiten. Unsere Mission ist klar: die Energiewende voranzutreiben – privat finanziert, also nicht durch öffentliche Mittel, sondern durch Investoren. Damit wollen wir dazu beitragen, die Strompreise langfristig auf ein Niveau zu bringen, das sowohl für Verbraucher als auch für die Industrie tragfähig ist.
Timothea Imionidou
Vielen lieben Dank, Herr Baumann, dass Sie wieder mein Gast waren. In ein paar Monaten sprechen wir uns noch einmal.
Markus Baumann
Dann werden wir sehen, wie sich alles entwickelt hat und ob meine Prognosen richtig lagen. Ich bin selbst gespannt.
Timothea Imionidou
Vielen lieben Dank.
Markus Baumann
Danke auch.
Timothea Imionidou
Und Ihnen natürlich vielen Dank fürs Zuhören und fürs Zusehen. Alle weiteren Infos finden Sie auf willipedia.plattes.net. Vielen Dank.
Autorin: Timothea Imionidou / Mitarbeit: C. Schittelkopp
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