Debatte um Erbschaftsteuer: Warum wir die Nachfolge in Familienunternehmen nicht zum "Abverkaufsmodell" machen dürfen
18. Januar 2026
Die SPD hat ihr Konzept „FairErben“ vorgestellt. Der Titel klingt harmlos, die Folgen wären es nicht. Als jemand, der seit mehr als 25 Jahren vermögende Unternehmerfamilien über Generationengrenzen hinweg begleitet, sage ich: Wir sollten sehr genau hinschauen, was hier auf dem Spiel steht.
Was die SPD plant – und was sie verschweigt
Kern des Vorschlags ist ein Lebensfreibetrag von einer Million Euro für Privatvermögen und ein zusätzlicher Freibetrag von 5 Millionen Euro für Betriebsvermögen. Gleichzeitig sollen die bisherigen Verschonungsregeln für Unternehmensvermögen – ein über Jahrzehnte gewachsenes System zur Sicherung der Unternehmensnachfolge – ersatzlos gestrichen werden.
5 Millionen Euro - das klingt nach viel Geld. Doch in Wahrheit ist das so, als würde man ein Kind mit 20 Cent in den Eisladen schicken. Denn für ein durchschnittliches Familienunternehmen im Mittelstand – sagen wir mit 10 Millionen Euro Umsatz und 50 Mitarbeitern – bedeutet dieser Freibetrag praktisch nichts. Der Unternehmenswert übersteigt diese Grenze in der Regel um ein Vielfaches.
Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft gibt es in Deutschland knapp 80.000 Unternehmen im relevanten Größenbereich, von denen etwa 55 Prozent Familienunternehmen sind. Das bedeutet: Rund 44.000 größere Unternehmen würden mit höheren Steuern belastet.
Der Aderlass im Moment der größten Verwundbarkeit
Wer jemals eine Unternehmensnachfolge begleitet hat, weiß: Der Übergang von einer Generation zur nächsten ist die kritischste Phase im Lebenszyklus eines Familienunternehmens. Banken prüfen neu, Kunden und Lieferanten beobachten genau, Mitarbeiter fragen sich, ob ihre Zukunft gesichert ist.
Genau in diesem Moment der Verwundbarkeit soll künftig eine massive Steuerlast fällig werden. Die Liquidität, die für Transformation, Digitalisierung und Resilienz dringend benötigt wird, fließt stattdessen in die Staatskasse.
Der Verband “Die Familienunternehmer” bringt es auf den Punkt: Ohne Verschonungsregeln müssten Unternehmen vier bis sechs komplette Jahresgewinne allein zur Zahlung der Erbschaftsteuer aufbringen. Wer glaubt, dass Unternehmer diese Summen einfach „nebenbei“ aufbringen können, hat noch nie einen Mittelständler aus der Nähe betrachtet. Die Gewinne stecken typischerweise in Maschinen, in Lagerbeständen, in Forderungen – nicht auf dem Festgeldkonto.
Das Szenario des Abverkaufs
Wenn die Risiken einer Nachfolge zu hoch werden, wird der Verkauf zur rationalen Alternative. Nicht aus Gier, sondern aus Verantwortungsbewusstsein. Welcher Unternehmer würde seinen Kindern eine Steuerlast aufbürden, die das Lebenswerk der Familie gefährdet?
Die Folge: Familienunternehmen werden zu „Targets“ für Private Equity, internationale Konzerne und – ja – auch für Schnäppchenjäger aus dem Ausland. Die Entscheidungszentren wandern ab. Die langfristige Perspektive, die Familienunternehmen auszeichnet, wird ersetzt durch Quartalsdenken.
Und wer verliert? Der Standort Deutschland. Die Mitarbeiter. Die Regionen.
Ein Blick über die Grenzen: Was andere Länder längst verstanden haben
Es ist kein Zufall, dass in Europa einige Staaten die Erbschaftsteuer für Betriebsvermögen abgeschafft haben: Norwegen, Tschechien, Österreich, Schweden, Portugal und die Balearen (Spanien).
Ausgerechnet Schweden und Norwegen – Länder, die wir gemeinhin mit progressiver Sozialpolitik verbinden. Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Schwedens hat die Erbschaftsteuer 2005 aufgehoben. Diese Entscheidung zeigt: Vernünftige Steuerpolitik ist keine Frage der Ideologie. Selbst Regierungen, die hohe Sozialausgaben finanzieren wollen, erkennen, dass Substanzsteuern auf Betriebsvermögen keine effektive Einnahmequelle sind – aber sehr effektiv darin, wirtschaftliche Substanz zu zerstören.
Das Verfassungsgericht im Hintergrund
Ja, das Bundesverfassungsgericht prüft derzeit die bestehenden Verschonungsregeln. Und ja, eine Reform ist möglicherweise notwendig. Eine Entscheidung soll noch im Frühjahr 2026 fallen. Aber die richtige Antwort auf einen möglicherweise notwendigen Reformbedarf ist nicht, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Die richtige Antwort wäre, die Verschonungsregeln zu modernisieren statt sie abzuschaffen.
Was wirklich „fair“ wäre
Das Konzept heißt „FairErben“. Aber was ist fair daran, wenn Familienunternehmer, die über Jahrzehnte Arbeitsplätze geschaffen, Steuern gezahlt und regionale Wirtschaftskreisläufe am Leben gehalten haben, beim Generationenwechsel behandelt werden wie Lottogewinner?
Fair wäre es anzuerkennen, dass Betriebsvermögen gebundenes Kapital ist. Kapital, das Arbeitsplätze sichert. Kapital, das nicht einfach verflüssigt werden kann, ohne das Unternehmen zu beschädigen.
Fair wäre es, die langfristige Perspektive zu honorieren, die Familienunternehmen von börsennotierten Konzernen unterscheidet.
Fair wäre es, den Standort Deutschland nicht noch weiter zu schwächen in einer Zeit, in der um jeden Arbeitsplatz gekämpft werden muss.
Eine persönliche Schlussbemerkung
Ich begleite seit einem Vierteljahrhundert Unternehmerfamilien durch Generationswechsel. Ich kenne die Sorgen, die Nächte, die schwierigen Gespräche. Ich weiß, was es bedeutet, wenn eine Familie überlegt, ob sie den Mut aufbringen kann, das Lebenswerk der Eltern fortzuführen. Diese Entscheidung ist nie leicht. Sie ist getragen von Verantwortungsgefühl, von Tradition, von der Überzeugung, dass ein Unternehmen mehr ist als ein Renditeobjekt.
Wenn wir diese Unternehmer jetzt mit Steuerlasten konfrontieren, die sie zur Aufgabe zwingen – dann haben wir etwas Unwiederbringliches zerstört.
Hand aufs Herz: Würden Sie unter solchen Rahmenbedingungen noch das Risiko einer Nachfolge antreten? Ich fürchte, viele werden diese Frage mit Nein beantworten. Und das wäre der eigentliche Schaden dieser Reform.
Den Standort Deutschland und die aktuellen politischen Debatten sind auch Thema unseres Events “Familienvermögen in Krisenzeiten” am 30. und 31. Januar.
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