Zwischen Hype und Zeitenwende – was die KI-Revolution für Familienunternehmen bedeutet
15. Februar 2026
Es sind gewaltige Summen im Spiel: Google plant Investitionen von bis zu 185 Milliarden Dollar in Künstliche Intelligenz – in einem einzigen Jahr. Amazon überbietet das noch mit bis zu 200 Milliarden Dollar. Gleichzeitig brechen die Aktienkurse dieser Unternehmen ein. Zwei Welten, die sich entkoppelt haben: Auf der einen Seite die Euphorie der Entwickler, auf der anderen die Ernüchterung der Investoren.
Für Familienunternehmer mag das zunächst wie ein Schauspiel aus dem Silicon Valley wirken – weit weg, abstrakt und ohne unmittelbare Relevanz. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Was sich gerade in der Technologiebranche abspielt, wird in den kommenden Jahren die Geschäftsmodelle, Vermögensstrukturen und Nachfolgeplanungen von Familienunternehmen grundlegend verändern.
Software verliert ihren Knappheitswert
Wer in den vergangenen Monaten die Entwicklung neuer KI-Modelle verfolgt hat, dem wird aufgefallen sein, dass wir einen qualitativen Sprung erleben. Hochwertige Software entsteht heute nicht mehr in monatelanger Handarbeit durch spezialisierte Entwicklerteams. Sie wird erzeugt – schnell, kostengünstig und nahezu überall. Was lange ein Versprechen war, wird jetzt Realität: Wenn jeder gute Software produzieren kann, verliert Software ihren Knappheitswert.
Für Familienunternehmer, die in den vergangenen Jahren erhebliche Summen in Digitalisierungsprojekte investiert haben, ist das ein zweischneidiges Schwert. Einerseits sinken die Kosten für maßgeschneiderte Lösungen dramatisch. Andererseits stellt sich die Frage, ob die teuer erworbene ERP-Landschaft in fünf Jahren überhaupt noch den gleichen strategischen Wert besitzt.
Agenten übernehmen – nicht nur Aufgaben, sondern Prozesse
Der eigentliche Paradigmenwechsel liegt nicht in besseren Chatbots. Er liegt in sogenannten KI-Agenten – Systemen, die nicht nur Fragen beantworten, sondern eigenständig planen, handeln und Aufgaben weiterentwickeln. Das österreichische Open-Source-Projekt OpenClaw zeigt exemplarisch, wohin die Reise geht: Es verbindet bestehende KI-Modelle mit Dateien, Programmen und Handlungen in der realen Welt. Mit OpenClaw wird gezeigt, dass Relevanz durch kluge Verknüpfung, nicht durch Kapital entstehen kann.
Was bedeutet das konkret? Agentische KI greift nicht die technische Infrastruktur an, sondern die Geschäftsmodelle, die darauf aufbauen. SAP, Salesforce oder ServiceNow organisieren heute Arbeit. Für Morgen versprechen KI-Agenten, diese Arbeit selbst zu organisieren – oder gleich ganz zu erledigen. Für Familienunternehmen, deren Wettbewerbsvorteil oft in eingespielten Prozessen und gewachsener Organisationskenntnis liegt, ist das eine fundamentale Herausforderung.
Die Bewertungsfrage: Was sind Unternehmen künftig wert?
Hier zeigt sich die Relevanz für Wealth Management und Vermögensplanung unmittelbar. Wenn KI-Agenten Prozesse übernehmen, die bislang den Kern unternehmerischer Wertschöpfung ausmachen, dann verschiebt sich die Grundlage, auf der Unternehmen bewertet werden. Nicht mehr die installierte Softwarelandschaft oder die eingespielte Organisation schaffen Wert – sondern die Fähigkeit, mit KI-gestützten Systemen schneller und besser zu agieren als der Wettbewerber.
Für Familienunternehmer, die über Nachfolge, Verkauf oder Restrukturierung nachdenken, stellt sich damit eine drängende Frage: Sind die Bewertungsmaßstäbe von gestern noch die richtigen für morgen? Wer den Wert seines Unternehmens primär an etablierten Prozessen und eingespielten Abläufen festmacht, riskiert eine böse Überraschung, wenn KI-Agenten genau diese Prozesse angleichen.
Die Investoren an der Wall Street haben das verstanden. Ihre Skepsis gegenüber den Mega-Investitionen der Tech-Konzerne ist keine Technikfeindlichkeit, sondern ökonomische Logik: 200 Milliarden Dollar Vorleistung bei unsicherer Rendite sind ein Risiko. Aber sie sind auch ein Signal – dafür, dass die größten Unternehmen der Welt bereit sind, alles auf diese Technologie zu setzen.
Europa zwischen Chance und Selbstblockade
In dieser Umbruchphase liegt eine besondere Chance für Europa – und damit auch für den deutschen Mittelstand. Dass ausgerechnet ein österreichischer Entwickler mit OpenClaw einen der prägenden Beiträge zur agentischen KI liefert, ist mehr als eine Anekdote. Es zeigt: Relevanz entsteht durch kluge Verknüpfung bestehender Systeme, nicht durch milliardenschwere Rechenzentren.
Für Familienunternehmer bedeutet das zweierlei. Erstens: Sie müssen nicht mit den Hyperscalern konkurrieren. Die Infrastruktur wird von Google, Amazon und Microsoft bereitgestellt – die intelligente Anwendung dieser Infrastruktur ist das Spielfeld des Mittelstands. Zweitens: Wer jetzt in KI-Kompetenz investiert, in die Fähigkeit seiner Mitarbeiter, mit diesen Systemen umzugehen und sie für das eigene Geschäftsmodell nutzbar zu machen, baut einen Wettbewerbsvorteil auf, der nicht so leicht kopierbar ist.
Entscheidend sind nicht die Chips, sondern was wir damit machen. Diese Erkenntnis sollte gerade Familienunternehmer ermutigen, die seit Generationen bewiesen haben, dass sie mit Pragmatismus und Anpassungsfähigkeit Krisen nicht nur überstehen, sondern gestärkt aus ihnen hervorgehen.
Was Familienunternehmer jetzt tun sollten
Der Wandel, den wir erleben, ist kein fernes Zukunftsszenario. Er findet jetzt statt. KI wird nicht nur besser – sie wird selbstständig. Das verändert nicht nur Technologie, sondern das Verhältnis zwischen Menschen und Maschine grundlegend.
Für Familienunternehmer leite ich daraus drei konkrete Handlungsfelder ab: Erstens die kritische Überprüfung der eigenen Unternehmensbewertung im Licht dieser Entwicklungen. Zweitens die strategische Auseinandersetzung mit der Frage, welche Prozesse im eigenen Unternehmen durch agentische KI transformiert oder ersetzt werden können. Und drittens die Einbettung dieser technologischen Dimension in die Nachfolge- und Vermögensplanung.
Wer diesen Moment allein als Investitionsblase liest, verpasst den Kern. Die Grenzen zwischen Werkzeug und Akteur beginnen zu verschwimmen. Die klügste Antwort darauf ist nicht Angst, sondern informiertes Handeln. Familienunternehmer waren schon immer dann am stärksten, wenn sie Veränderungen nicht ausgesessen, sondern aktiv gestaltet haben. Und selten war der Umbruch so gewaltig wie derzeit.