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"Wir haben Angst vor dem, was kaputt geht, schauen aber wenig auf das, was neu entsteht"

Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), gibt mit einer Analyse der wirtschaftlichen Probleme und Chancen in Deutschland einen Vorgeschmack auf das Mandelblüten-Event im Januar.

11. September 2026

Die Wanderungsbewegungen gerade vermögender Menschen sind eine unbequeme Diskussion unserer Zeit, gar von einem “Braindrain” ist die Rede, wenn es um den Standort Deutschland geht. Aber stimmt die Stimmungslage mit den Wirtschaftsdaten überein? Welche Konsequenzen muss man aus der Analyse ziehen? Mit welchen Strategien geht es wirtschaftlich wieder vorwärts? 

Antworten auf diese Fragen gibt Dr. Moritz Kraemer. Der Chefvolkswirt und Leiter des Konzernbereichs Research der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) ist einer von zahlreichen Referenten unseres Mandelblüten-Events “Familienvermögen in Krisenzeiten” Ende Januar 2027

Nach seiner Promotion an der Universität Göttingen 1996 war er bis 2001 als Ökonom bei der Interamerikanischen Entwicklungsbank in Washington, D.C. und Honduras tätig. Dr. Kraemer ist Senior Fellow am Centre for Sustainable Finance an der SOAS University of London sowie Lehrbeauftragter am House of Finance der Goethe-Universität Frankfurt.

Herr Dr. Kraemer, wie würden Sie, auch gerade nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt, die wirtschaftliche Stimmungslage in Deutschland beschreiben?

Das wird auch davon abhängen, wie die Bundesregierung darauf reagiert, ob jetzt beispielsweise der Reformprozess wieder ins Stocken gerät. Letzten Endes waren die Wahlen auch ein Votum über die Bundesregierung in Berlin – die Menschen stimmen nicht über das ab, was zur Wahl steht, sondern über das, worüber sie sich aufregen oder ärgern. Die Stimmung bei Unternehmern wird sich sicher noch weiter verschlechtern, wenn der Reformprozess ins Stocken gerät. Der ifo-Index, also das Stimmungsbarometer der Unternehmerschaft, ist zuletzt dreimal in Folge gestiegen. Das hört sich erstmal gut an. Ich würde eher sagen: Die Unternehmen sind weniger pessimistisch, wir liegen immer noch unter dem langfristigen Mittel.

Wie groß sind denn die Unterschiede zwischen dieser gefühlten Situation und der tatsächlichen wirtschaftlichen Lage, wie Sie sie anhand Ihrer Daten analysieren?

Wir reden uns in gewisser Weise in eine Depression. Die Stimmung ist schlechter als die Lage. In den vergangenen Monaten haben die Daten überwiegend positiv überrascht. Auftragseingänge, Industrieproduktion, Exportleistung – das war besser als erwartet, trotz der geopolitischen Risiken. Wir hatten Probleme mit der Dürre und der Schifffahrt auf den Flüssen, das behindert die Lieferketten. Und es gibt einen Wermutstropfen: Die Daten sind von den Exporten getrieben, die Binnenwirtschaft ist nach wie vor relativ schwach. Zudem haben die Unternehmen überwiegend von großen Großaufträgen profitiert, von denen viele auf das Sondervermögen der Bundesregierung zurückgehen dürften. Interessant hinsichtlich der Stimmungslage sind die Befragungen der Forschungsgruppe Wahlen. Da werden die Menschen gefragt: Was glauben Sie, wie geht es Deutschland? Dann antworten alle: Es geht schlechter und schlechter. Und dann folgt die Frage: Wie geht es Ihnen persönlich? Und da ist die große Mehrheit noch ganz entspannt.

Wie erklären Sie sich diesen Kontrast zwischen gefühlter und tatsächlicher Wirtschaftslage?

Es ist bei vielen Menschen der Eindruck entstanden, dass wir nicht mehr ordentlich regiert werden. Politiker-Bashing ist Volkssport geworden. Das hängt auch damit zusammen, dass die Medien immer stärker polarisieren. Meinung und Information werden vermischt. Der Wahlkampf findet auch nicht mehr schwerpunktmäßig in der Fußgängerzone mit Ballons und Kugelschreibern statt, sondern in den sozialen Medien. Ich glaube aber auch, dass der Duktus der Bundesregierung nicht sehr hilfreich ist. Der Kanzler wird als jemand wahrgenommen, der die Wählerinnen und Wähler angeht und ihnen sagt: Ihr seid alle faul und macht alle blau. Da kommt keine gute Stimmung auf. Die Stimmung ist also zum Teil auch selbstverschuldet. Ich fand den Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung positiv überraschend. Aber es ist dann relativ wenig daraus erfolgt. Man hätte das Eisen schmieden sollen, als es noch heiß war und man die Unterstützung in der Bevölkerung hatte. Wenn man sie nicht mehr emotional mitnehmen kann, werden die Reformen schwieriger.

Sie haben die Industriepolitik der Bundesregierung als „nostalgische Bewahrungspolitik“ beschrieben. Was konkret läuft falsch? Was sollte stattdessen passieren?

Wir starren auf die Insolvenzzahlen wie das Reh aufs Fernlicht. Ich lese jeden Monat von Rekordinsolvenzen, was überhaupt nicht stimmt. Wir hatten vor Corona deutlich mehr Insolvenzen. Wir haben Angst vor dem, was kaputt geht, schauen aber wenig auf das, was neu entsteht. Die Automobilbranche ist dafür das beste Beispiel. Wir waren Weltmarktführer, verlieren diesen Nimbus aber gerade sehr, sehr schnell. Von Vorsprung durch Technik kann keine Rede mehr sein. Wir sind sehr gut in Forschung und Entwicklung, aber leider konzentriert sie sich auf Branchen oder Technologien, in denen wir in der Vergangenheit gut waren. Natürlich gibt es auch Hoffnung stiftende Beispiele. Aber der Fokus liegt meist auf Fragen wie: Wann werden wir wieder Exportweltmeister? Die Antwort ist ziemlich einfach: niemals. Da ist viel Nostalgie mit im Spiel wie bei den Wahlen in Sachsen-Anhalt: Make Germany great again. Aber wir können nicht rückwärts in die Zukunft gehen. Wir müssen der Zukunft ins Auge schauen und sie umarmen. Und ich habe auch keinen Zweifel, dass wir das können. Aber wir müssen in Forschung und Entwicklung eine andere Richtung einschlagen. Wie die Zukunft aussehen wird, kann keiner sicher sagen. Aber Dieseleinspritzpumpen werden dabei keine zentrale Rolle spielen.

Es reicht nicht, auf die Entwicklung der richtigen Technologie zu setzen. Es braucht auch Risikokapital, um sie zu skalieren. Viele junge Unternehmen verlassen deswegen Deutschland. Wie könnte es besser laufen?

Der Draghi-Bericht vor über zwei Jahren hat das schon klar gesagt. Was bei uns fehlt, ist weniger die Gründungsfinanzierung. Aber in dem Moment, in dem skaliert werden muss, in dem wir richtig große Beträge benötigen, da fehlt die Finanzierung. Es liegt auch daran, dass wir ein bankenbasiertes Finanzsystem haben. Banken vergeben Kredite gegen Sicherheiten. Und die Startups oder Nachgründungsfirmen haben natürlich weniger Sicherheiten als ein etablierter Mittelständler. Und deswegen ist es schwieriger, Kredit zu bekommen. Und gerade Kapitalmarktteilnehmer wie Versicherungsunternehmen oder Pensionskassen agieren sehr konservativ, bevorzugen etwa Staatsanleihen im Portfolio. Es fehlt also ein Mechanismus, wie diese Unternehmen zu Kapital kommen können, vielleicht so etwas wie die frühere Deutsche Ausgleichsbank.

Auch die Abwanderung von Unternehmern ins Ausland sorgt für Schlagzeilen. Was ist dran am sogenannten Braindrain – zumal vor allem jüngere Deutsche abwandern?

Das muss man ein bisschen nuancierter sehen. Es gibt viele Auswanderer, aber auch viele Rückkehrer. Ich selbst war schon in beiden Rollen. Wenn wir uns die Nettozahlen anschauen, dann ist die Differenz gar nicht mal so hoch: 2024 waren es 81.000 Netto-Auswanderer. Das war ein vergleichsweise hoher Wert, entspricht aber nur 0,1 Prozent der Bevölkerung. Das ist kein wirklicher Braindrain. Doch gerade bei jüngeren Menschen ist die Emigrationsneigung stärker. Bei vielen dürfte das damit zusammenhängen, dass sie zum Studium ins Ausland gehen und dann dort hängen bleiben. Das sind die Leistungsträger von morgen, die wir nicht verlieren wollen. Und wenn Leistungsträger woanders bessere Verdienstmöglichkeiten sehen, hat das natürlich auch mit der wirtschaftlichen Dynamik zu tun, die wir in Deutschland zurzeit vermissen, und zum Teil auch mit Steuern. Deswegen wäre es wichtig, dass die Regierung mit der Steuerreform eine richtige Entlastung schafft und nicht nur einen Inflationsausgleich gewährleistet.

Bei der Erbschaftsteuer steht eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts an. Es geht um die Frage, inwieweit die Verschonung des Betriebsvermögens mit dem Gleichheitsgrundsatz vereinbar ist. Sie argumentieren, man sollte Erbschaftsteuer und Unternehmensbesteuerung gemeinsam betrachten. Was konkret meinen Sie damit?

Das Kernproblem, warum verschiedene Bundesregierungen schon die gelbe oder rote Karte aus Karlsruhe gezeigt bekommen haben, ist die Ungleichbehandlung insbesondere von Betriebsvermögen. Natürlich will niemand, dass die Verschonungsregeln für Betriebsvermögen komplett wegfallen. Da hängen ja die Betriebe und die Beschäftigung mit dran. Wie kann man das also intelligent abfedern, zum Beispiel über längere Zahlungszeiträume? Andererseits haben wir in Deutschland im Vergleich zu unseren Mitbewerbern hohe Unternehmenssteuern. Vielleicht kann man das hinsichtlich der beiden Steuerbereiche so gestalten, dass sie sich ausgleichen. Denn wenn wir die Körperschaftsteuer senken wollen – das sind ja keine trivialen Summen, die da zustande kommen –, müssen wir, abgesehen von Kosteneinsparungen, anderswo wieder zugreifen. Wir haben jetzt schon ein Defizit von vier Prozent des Sozialprodukts für den Gesamtstaat, das ist höher als im Fall von Italien. Es gibt keinen Raum für Steuergeschenke.

Wenn es um den Standort Deutschland geht, stehen auch die Energiekosten im Mittelpunkt. Wie wichtig ist dieser Faktor Ihrer Einschätzung nach und wo sollte man bei diesem Problem ansetzen?

Die Energiepreise sind bei Befragungen von Unternehmern unter den Top Drei der Standortnachteile, neben Bürokratie und Lohnnebenkosten. Das sind die Evergreens. Der Hauptunterschied zu den Energiepreisen in anderen Ländern wie etwa Spanien liegt im steuerlichen Bereich. Die hohen Abgaben passen nicht zu den Zielen der Elektrifizierung. Uns fehlen zudem Netze und Speicher, da sind wir in Deutschland im Vergleich zu Spanien deutlich hintendran. Die Bundesregierung setzt aber eher auf die alten Technologien – auch da ist etwas Nostalgie erkennbar. Statt Experimenten wie dem fehlgeleiteten Tankrabatt würde ich mir wünschen, dass der Strom günstiger würde. Mit Investitionen in die Netze und die Speicherkapazitäten sowie mit einer niedrigeren Besteuerung schafft man die richtigen Anreize. Aber dafür braucht es etwas mehr Fantasie in Berlin.

Verkennt die Bundesregierung das wirtschaftliche Potenzial der Energiewende?

Wir hatten bereits in der Photovoltaiktechnologie den Anschluss verloren. Jetzt haben wir das Thema Wärmepumpen, und da sind wir Marktführer. Meine Sorge ist, dass wir diesen Wettbewerbsvorteil wieder aus der Hand geben. Es besteht kein Grund, warum wir nicht Weltmarktführer in Klimatechnologie werden könnten. Wir haben die nötigen Technologien und die nötigen Ingenieure. Aber dieses Potenzial wird nicht ausgeschöpft, weil sich unsere Ingenieure stattdessen zum Beispiel damit beschäftigen, das Spaltmaß von Autotüren zu verbessern. Gerade nach diesem Sommer bin ich überzeugt, dass Klimatechnik ein Riesenmarkt werden wird und dass die Energiewende eine globale Chance ist. Es wäre eine Tragödie, wenn wir den Chinesen nach Photovoltaik und E-Mobilität erneut das Feld überlassen würden.

Bei unserem Event “Familienvermögen in Krisenzeiten” Ende Januar 2027 geht es drei Tage lang um den Standort Deutschland und den Innovationsvorsprung in China, um Cybersicherheit sowie um grenzüberschreitende Nachfolgeplanung. Die LBBW ist ein Platinpartner der Veranstaltung. 

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