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Was passiert mit uns, wenn Roboter den Alltag übernehmen?

David Reger, CEO von Neura Robotics und Referent beim Wirtschaftsforum NEU DENKEN 2026, über humanoide Maschinen, Physical AI und die Frage, warum Technologie den Menschen wieder menschlicher machen könnte.

David Reger zählt zu den europäischen Vordenkern im Bereich Künstliche Intelligenz und kognitive Robotik. Als Gründer und CEO von Neura Robotics arbeitet er daran, Roboter zu entwickeln, die nicht nur in der Industrie eingesetzt werden, sondern künftig auch im Alltag unterstützen können – im Haushalt, in der Pflege, in Unternehmen und überall dort, wo physische Arbeit übernommen oder erleichtert werden kann.

Beim Wirtschaftsforum NEU DENKEN 2026 im Castillo Hotel Son Vida in Palma war David Reger als Referent auf der Bühne zu Gast. Im Anschluss sprach Podcast-Produzentin Timothea Imionidou mit ihm für den Willi-pedia Podcast über humanoide Roboter, ihre Einsatzmöglichkeiten und die Frage, wie nah diese Zukunft tatsächlich schon ist.

Im Gespräch geht es um Roboter im Haushalt, fehlende Arbeitskräfte, den internationalen Wettbewerb mit China und den USA sowie um ethische und gesellschaftliche Fragen. Reger macht deutlich: Robotik soll den Menschen nicht ersetzen, sondern ihm Zeit zurückgeben – für Familie, Kreativität, Zwischenmenschlichkeit und das, was den Menschen ausmacht.

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05. Juli 2026

Timothea Imionidou
Hallo und herzlich willkommen zu unserem Willi-pedia Podcast, heute hier aus dem Castillo Hotel Son Vida vom Wirtschaftsforum NEU DENKEN 2026. Jetzt spreche ich mit David Reger. Er ist Gründer und CEO von NEURA Robotics und einer der europäischen Vordenker im Bereich Künstliche Intelligenz und kognitive Robotik. Mit seinem Unternehmen arbeitet er daran, humanoide Roboter aus der Industrie in den Alltag der Menschen zu bringen. Hallo Herr Reger, schön, dass Sie heute bei uns sind.

David Reger
Ich freue mich, hier dabei sein zu dürfen. Dankeschön!

Timothea Imionidou
Ihr Forumsthema lautete ja auch: Humanoide Roboter erobern den Alltag. Wie weit sind wir denn da? Ist das tatsächlich schon ein Wendepunkt oder ist das noch Zukunftsmusik?

David Reger
Ich sage mal: teils, teils. Humanoide Robotik ist real und befindet sich technisch aktuell im Stadium der Pilotierung. Das heißt, wir haben schon einige Roboter in die verschiedensten Bereiche gebracht. Das sind aber eher, ich sage mal, Low Hanging Fruits, also einfachere Aufgaben: Knöpfe drücken, Schalter umlegen oder Bauteile in eine Maschine einlegen. Aber es sind Dinge, die vorher nur ein Mensch tun konnte.

Timothea Imionidou
Das heißt, sie werden schon irgendwo eingesetzt? In der Industrie zum Beispiel?

David Reger
Ja, sie werden schon in der Industrie eingesetzt, aber aktuell noch in sehr geringen Stückzahlen, weil es für uns noch mit viel Aufwand verbunden ist. Im Laufe dieses Jahres wird sich das aber extrem weiterentwickeln, weil wir die Plattform inzwischen so weit haben, dass jeder dem Roboter etwas beibringen kann. Dadurch skaliert das natürlich exponentiell.

Timothea Imionidou
Wenn man es einmal weiterdenkt: Wann wird es denn so weit sein, dass ich zu Hause nicht nur ein Smart Home habe, sondern tatsächlich ein robotisiertes Zuhause?

David Reger
Das robotisierte Zuhause ist für uns die nächste Stufe. Wir fokussieren uns derzeit hauptsächlich auf die Industrie und auf Bereiche, in denen in den nächsten Jahren wirklich Arbeitskräfte fehlen werden. Der Haushalt wird sich in den nächsten zwei, drei Jahren aber natürlich mitentwickeln. Ich sehe das Zuhause tatsächlich sogar noch einen Ticken leichter als die Industrie, weil es in meinen Augen organisierter ist.

Timothea Imionidou
Das heißt, ich als Privatperson kann mir irgendwann so einen humanoiden Roboter nach Hause holen und der erledigt dann meinen Haushalt?

David Reger
Im Endeffekt ja. Wenn ich jetzt zum Beispiel zu Ihnen nach Hause komme, dann bin ich mir sicher – ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen –, dass ich dort klarkommen werde. Ich werde wahrscheinlich eine Toilette finden, eine Küche finden und bestimmte Dinge, die in jedem Haus Standard sind. Der einzige Unterschied ist meistens, dass es ein bisschen anders orientiert ist oder einen anderen Stil hat. Aber im Endeffekt sind Wohnungen und Häuser sehr ähnlich. Und das der KI heute beizubringen, ist eigentlich gar nicht so kompliziert. Genau darin ist KI heute ziemlich gut. Dementsprechend glaube ich, dass in den nächsten Jahren ein extremer Durchbruch geschehen wird und jeder so ein Gerät sozusagen auch mit nach Hause nehmen kann.

Timothea Imionidou
Also ein Gerät. Das heißt, ich brauche nicht für jede Aufgabe im Haushalt einen eigenen Roboter, sondern der kann dann alles?

David Reger
Genau. Es ist ein Multi-Purpose-Gerät. Wir bauen verschiedene Formfaktoren: eine Art R2-D2, dann auch Roboter mit Beinen. Sie sind so gebaut, dass sie ein Grundwissen haben. Dahinter steht ein Foundation Model, das auf diese Bereiche trainiert ist. Über die Plattform stellen wir zusätzlich Werkzeuge zur Verfügung, damit jeder mittrainieren und das System schneller auf verschiedenste Situationen trainieren kann. Dadurch wird es erst so schnell. Ich sehe das wirklich als weniger komplex als die Industrie und als etwas, das wir in den nächsten Jahren vermehrt sehen werden.

Timothea Imionidou
Wahrscheinlich ist es auch weniger komplex, als es für den Ottonormalverbraucher wirkt. Für mich ist es noch völlig absurd und sehr weit weg, dass bei mir im Haushalt ein humanoider Roboter steht. Er heißt ja 4NE1, also „for anyone“, er ist quasi für jeden. Aber bei mir ist das noch nicht so richtig im Kopf angekommen. Sie sind natürlich auf einem völlig anderen Stand. Für Sie ist diese Vorstellung wahrscheinlich ganz normal.

David Reger
Was wir hier gezeigt haben, ist die Version 3.05. Das ist eigentlich schon die ältere Version. Der neue Roboter, der jetzt kommen wird, wird noch einmal einen Ticken menschenähnlicher, etwas schlanker und angenehmer sein, glaube ich, um ihn auch mit nach Hause zu nehmen. Mit den Fähigkeiten, die wir ihm jetzt beibringen, wird er recht schnell zu einer unterstützenden Kraft zu Hause. Ich glaube auch, dass er leichter Akzeptanz bekommen wird.

Timothea Imionidou
Leichtere Akzeptanz, weil er menschlicher aussieht? Warum ist das wichtig? Weil der Mensch am effektivsten arbeitet oder weil man dann eine andere Verbindung aufbaut?

David Reger
Vor allem der Haushalt ist sehr stark ergonomisch an den Menschen angepasst. Wir bauen Häuser so, dass sie für uns als Menschen passen. Deshalb der Formfaktor Mensch. Eine entscheidende Rolle spielt der humanoide Formfaktor in meinen Augen aber vor allem psychologisch. Ich bin eigentlich kein großer Fan davon. In Fabriken machen Räder zum Beispiel viel mehr Sinn als Beine. Beine machen alles komplexer und bereiten mir, wie man sich vorstellen kann, viele Kopfschmerzen. Aber für den Haushalt ist es umso wichtiger. Es ist eher Psychologie. Ich nehme immer gerne das Beispiel meiner Mutter. Ich mache schon seit Ewigkeiten Robotik. Ich kann eigentlich nichts anderes als Robotics. Ich liebe Autos, aber im Endeffekt mache ich schon immer Roboter. Meistens waren es Roboterarme oder mobile Roboter. Dann fragt mich meine Mutter: „Was machst du eigentlich so?“ Ich erzähle ihr von Robotik, von Robotern, und am Anfang sehe ich, wie ihre Augen anfangen zu strahlen: „Wow, mein Sohn macht Robotik. Zeig mir mal so ein Ding.“ Dann zeige ich ihr ein Video, wie ein Roboterarm schweißt oder so etwas. Für mich ist das totaler Standard.

Timothea Imionidou
Ja.

David Reger
Bei meiner Mutter habe ich wirklich gesehen, wie dieses Strahlen in Enttäuschung übergeht, weil sie einfach gedacht hat: Das ist doch gar kein Roboter. Für sie war das kein Roboter, weil sie mit Produktionsunternehmen und solchen Anwendungen nichts zu tun hat. Ich glaube, dass 99 Prozent der Menschen so denken. Deshalb habe ich irgendwann gesagt: Warum sollte ich versuchen, die Psychologie der Menschen zu verändern? Die Menschen akzeptieren den Formfaktor nun einmal aus Hollywood, weil sie Roboter so kennen. Deshalb habe ich gesagt: Okay, dann bauen wir ihn eben so, wie die Menschen ihn wollen. Das ist leichter, als die Psychologie zu verändern.

Timothea Imionidou
Aber sich so ein Ding nach Hause zu holen und zu kaufen, ist ja auch teuer. Wann wird es denn so weit sein, dass es serienmäßig ist und sich das jeder leisten kann?

David Reger
Auf Beinen ist es tatsächlich noch nicht so günstig. Wir haben aber zunächst ein Gerät, das wir MiPA nennen. Es ist auf Rollen und hat zwei Arme, also sozusagen ein Smartphone mit Armen auf Rollen. Dieses Gerät haben wir jetzt für 15.000 Euro – also in etwa wie ein teures E-Bike. 4NE1 liegt derzeit ungefähr bei 60.000 Euro. Die Preise werden mit der Masse natürlich sinken. Das neue Gerät wiegt knapp 65 bis 70 Kilo. Man kann sich vorstellen, dass die Herstellungskosten mit der Stückzahl, die in den Markt kommt, rapide sinken. Ich glaube, es beginnt zunächst im Luxury-Bereich. Erst einmal ist es natürlich etwas Besonderes, so ein Gerät überhaupt zu bekommen. Dann geht es in die Masse und wird eine Art Smartphone sein. Man kann so ein Teil dann finanzieren. Es gibt einen Second Market und einen Third Market. Das heißt, man wird es nicht nur direkt bezahlen, sondern es wird auch andere Modelle geben – über Apps, über Funktionen, die das Gerät mit sich bringt, und über die Frage, wie man es nutzen möchte.

Timothea Imionidou
Hier auf dem Forum sprechen wir ja auch viel über Zukunftsfähigkeit. Wie ist denn der Stand der Robotik in Europa im Vergleich zu den USA oder China?

David Reger
Gute Frage. Die habe ich heute auf der Bühne ein bisschen vermisst, weil das ein ganz wichtiger Aspekt ist. Heute hat man natürlich das Bild vom Kanzler in China im Kopf, wo Roboter tanzen. Bei uns sieht man sie eher selten tanzen. Es gibt ein paar Videos aus Las Vegas, weil Vegas nun einmal eine Show ist und man so etwas dort zeigen kann. Aber um das einzuordnen: Wir reden von vollautonomer Robotik, also von Robotik, die uns wirklich unterstützen und alle möglichen Aufgaben ausführen kann. Die Robotik, die man heute in China tanzen sieht, ist das nicht. Man vergleicht ein bisschen Äpfel mit Birnen. Wenn Roboter wirklich unterstützen sollen, brauchen sie Sensorisierung. Es kommt nicht nur darauf an, aus der Simulation zu lernen und dann einen Tanz-Move zu machen. Das ist in meinen Augen etwas Einfacheres. Es geht darum, die richtigen Sinne in den Roboter zu bekommen, damit er reaktiv auf verschiedenste Situationen reagieren, Dinge verstehen und autonom ausführen kann.

Timothea Imionidou
Also zum Beispiel, damit er wirklich Teil des Alltags sein kann?

David Reger
Genau. Dafür braucht er einen guten Tastsinn, gute Augen und am besten auch einen Gehörsinn. Darauf fokussieren wir uns sehr stark. Unsere Roboter sollen am Ende gar nicht so viel tanzen. Das wird ein kurzer Hype sein und wieder vergehen. Was bleibt, sind Roboter, die echte Arbeit ausführen. Ich sehe schon bald Zeitungen schreiben: Verdammt, die können ja gar nichts, diese Roboter. Genau das ist das Problem. Deshalb fokussieren wir uns auf diesen Bereich. Wir sehen, dass wir dort derzeit führend sind. Warum sage ich das? Weil wir heute schon mit Partnern wie Qualcomm an diesem neuen State of the Art von Physical AI arbeiten. Den gibt es so eigentlich noch gar nicht. Es gibt noch nicht das Nervensystem für Robotik. Es gibt bisher vor allem das Gehirn und vielleicht Augen. Aber das ganze Nervensystem mit Hören, Sehen und Fühlen existiert heute noch nicht. Da sehen wir uns führend, weil wir den neuen Standard schaffen. Wir entwickeln einen neuen Chipsatz, und in diesem Bereich werden bald auch neue Nachrichten kommen. Deshalb bin ich so selbstsicher. Während die anderen tanzen, fokussieren wir uns auf den Bereich, der am Ende Wertschöpfung bringen wird.

Timothea Imionidou
Das heißt?

David Reger
Die Menschen sollen am Ende tanzen. Die Menschen sollten wieder Zeit haben zu tanzen. Beim Roboter ist das Tanzen nur ein Hype-Ding. Man sieht so ein Teil zum ersten Mal und ist beeindruckt. Ich sehe solche Dinge jeden Tag. Dementsprechend denke ich beim dritten Mal: Ja, toll, jetzt habe ich es schon zweimal gesehen, beim dritten Mal habe ich keine Lust mehr, es anzuschauen. Genauso ist es mit dem Roboter, mit dem man einfach nur quatscht. Dieses perfekte Reden und dieses ultra politisch Korrekte geht einem irgendwann auf den Sack. Man will wieder diese Menschlichkeit. Ich glaube, dafür sollten wir wieder sorgen. Wir bauen Technologien, die den Menschen unterstützen, damit Menschen mehr Zeit haben und sich die Zeit nehmen können, wirklich das Menschliche zu tun: sich zwischenmenschlich zu unterhalten, zu tanzen, Dinge zu tun, für die wir heute oft keine Zeit haben.

Timothea Imionidou
Weil sie all das übernehmen, was nervt. Aber gibt es da nicht auch ethische und gesellschaftliche Fragen, die geklärt werden müssen, bevor Roboter so selbstverständlich werden?

David Reger
Es gibt unendlich viele ethische Fragen, die beantwortet werden müssen. Man sollte nicht einfach Roboter oder KI bauen, nur weil man es kann. Ich glaube, das ist auch der große Unterschied zwischen Unternehmertum heute und in der Vergangenheit. Früher hat man Dinge gemacht, weil sie möglich waren. Heute muss man aufpassen, weil wir durch KI und diesen Fortschritt, den wir gerade gestalten, immer auch auf den Impact schauen müssen. Die Governance, also die Organisationen und Institutionen, werden es nicht schnell genug hinbekommen, Regeln und Normen zu erschaffen und das Ganze einzuordnen. Dementsprechend liegt die Verantwortung bei uns als Geschäftsführern der Unternehmen und bei denen, die diese Technologien bauen. Wir müssen uns frühzeitig Gedanken machen: Welchen Impact werden diese Technologien haben und wie können wir darauf reagieren? Ich habe noch nicht auf alles eine Antwort, ganz ehrlich. In den ersten fünf bis zehn Jahren werden wir zunächst Lücken füllen. Wir leben in einer älter werdenden Bevölkerung. Bis 2030 haben wir allein in Europa sieben Millionen Arbeitskräfte weniger, in China 80 Millionen weniger, in Japan sieben Millionen weniger. Das sind über 100 Millionen Arbeitskräfte weniger bis 2030. Diese Lücke muss irgendwie gefüllt werden, und das kann nur über Robotik passieren, die physisch unterstützen kann. Dann geht es natürlich einen Ticken weiter. Irgendwann kommt der Peak und diese Wende, an der man sagt: Robotik wird alle physischen Tätigkeiten übernehmen. Das wird der Fall sein. Dann müssen wir uns als Menschen weiterentwickeln. Das ist ja schon mehrmals passiert. Wir können es uns nur heute nicht vorstellen, weil wir nicht in dieser Situation sind. Früher hat man auf dem Feld gearbeitet und gefragt: Was machen wir alle, wenn wir nicht mehr auf dem Feld arbeiten? Heute würden wir ohne Traktor alle verhungern. Es wird sich also weiterentwickeln. Wir müssen behutsam damit umgehen. Die Politik sollte sich darüber Gedanken machen, genauso wie alle Menschen, die in dieser Entwicklung beteiligt sind. Wie bekommen wir diese Technologie wirklich dahin, dass sie uns unterstützt, anstatt uns zu ersetzen? Das ist in meinen Augen unsere Verantwortung.

Timothea Imionidou
Auf jeden Fall. Andererseits denke ich mir: Wenn ich ein Unternehmen habe und es Maschinen gibt, die alles kostengünstiger, zuverlässiger und so weiter machen, warum sollte ich sie dann nicht einsetzen?

David Reger
Deshalb wird es sich auf natürlichem Weg durchsetzen. Robotik wird alle physischen Tätigkeiten übernehmen, darüber braucht man nicht drum herumzureden. Es wird wirklich passieren. Aber die Menschheit wird sich weiterentwickeln. Man sieht es ja schon heute bei der älter werdenden Bevölkerung. Auf natürliche Art bauen sich die Skills ab, weil mehr Menschen mit Skills in Rente gehen, als neue Menschen mit Skills ausgestattet werden. Dadurch entsteht ein Loch. Gleichzeitig leben wir in einer Zeit, in der viele Menschen diese physischen Tätigkeiten gar nicht mehr tun wollen. Ich glaube, die Menschheit wird sich dahin entwickeln, sich wirklich auf das zu fokussieren, was den Menschen ausmacht: Menschlichkeit. Dieses Unperfekte, aber eben Menschliche. Ich glaube, dass das in Zukunft ein riesiges Asset sein wird. Mit diesen Geräten unterhält man sich ein paar Tage, schaut sie sich an, und irgendwann geht es einem auf den Sack. Dann will man wieder mit Menschen interagieren. Das wird etwas Besonderes werden. Es wird in Zukunft viel mehr Entertainment-Business geben, und es wird deutlich mehr Wert auf das Zwischenmenschliche gelegt. Auch in der Altenpflege. Wir finden keine Leute mehr, weil Pflegekräfte heute alles Mögliche tun müssen. In Zukunft wird es darum gehen, dass Pflegerinnen und Pfleger sich hauptsächlich auf die Unterhaltung mit den Menschen konzentrieren, auf das Menschliche und Psychologische. Genau das fehlt uns in unserer schnellen Gesellschaft. Heute geht alles so schnell, dass uns genau das fehlt: kurz Pause zu machen und zu sagen, komm, lass uns mal unterhalten. Ich glaube, dafür werden wir Geld bezahlen.

Timothea Imionidou
Den Punkt sehe ich auf jeden Fall. Wenn ich von mir ausgehe und jemanden hätte, der mir zuverlässig den Rücken freihält und zu Hause alles macht, was gemacht werden muss: Ich arbeite Vollzeit, habe einen fünfjährigen Sohn, busy life. Oft denkt man ja, man wird nichts und niemandem so richtig gerecht. Wenn all das, was zu erledigen ist, übernommen würde, wäre genau dafür Zeit: für den Sohn, für die Familie, für das Zwischenmenschliche. Den Punkt verstehe ich absolut. Auch mit Pflegeberufen kann man das ja weiterdenken. Gleichzeitig denke ich manchmal: Durch KI verdummen wir vielleicht auch ein bisschen. Wir müssen keine Sprachen mehr lernen – vielleicht jetzt noch, aber eigentlich bald nicht mehr. Ich weiß nicht einmal mehr, wie ich irgendwo hinkomme, ohne mein Navi oder Google Maps. Das sind Dinge, die man verlernt. Klar, manches brauche ich vielleicht auch nicht mehr. Aber früher mussten wir uns in der Schule noch Wissen merken. Heute kann man jede Information sofort abrufen. Da habe ich schon manchmal das Gefühl, wir verdummen ein bisschen. Ich spreche zum Beispiel sechs Sprachen. Warum sollte jemand in Zukunft noch eine Sprache lernen? Und wenn dann auch noch Robotik in unseren Alltag kommt, bin ich am Ende nicht nur dumm, sondern auch faul. Wissen Sie, was ich meine?

David Reger
Ich glaube, es gibt jetzt zwar diese Übersetzungstools, aber es wird nach wie vor besser funktionieren, wenn man die Sprache selbst spricht. Egal wie gut übersetzt wird: Diese Maschine dazwischen ist etwas, das entzweit, in meinen Augen. Dementsprechend glaube ich schon, dass es weiterhin einen Wert haben wird, Sprachen zu lernen. Ich glaube sogar, wir werden mehr Zeit haben, neue Sprachen zu lernen. Wir werden uns wieder mehr Zeit dafür nehmen, Menschlichkeit zu zeigen. Wir werden uns mehr für Kultur und Historie interessieren, weil wir plötzlich die Zeit haben. Ich kann mich heute nicht einfach hinsetzen und ein Buch lesen, ich habe gar nicht die Zeit. In Zukunft, glaube ich, werden wir viel mehr Wert auf dieses Menschliche legen. Heute machen wir Dinge, weil sie möglich sind, weil es cool ist und weil jeder seinen Platz einnehmen möchte. Aber ich glaube, das wird sich konsolidieren. Die Menschen werden vieles wieder weniger nutzen, und der Wert wird woanders liegen. So sehe ich das auch in diesem Bereich. Ich mache mir auch Sorgen. Es ist nicht so, dass ich sage: Ich bin mir bei allem sicher. Ich habe zwei Kinder und mache mir um eine Sache Sorgen. Als ich Kind war, waren meine Eltern für mich die Größten. Wenn ich etwas nicht wusste, wusste ich: Meine Eltern werden mir helfen. Die haben recht, denen vertraue ich, die lügen mich nicht an. Dann habe ich sie gefragt. Heute ist es viel einfacher, und das merke ich schon in meinem Leben: Bevor ich jemanden anrufe, spreche ich schnell mit einer KI. Das kann zu zwischenmenschlichen Barrieren führen oder zumindest zu weniger zwischenmenschlichem Austausch. Gleichzeitig glaube ich, dass wir wieder beginnen werden, mehr Menschlichkeit in den Mittelpunkt zu stellen.

Timothea Imionidou
Das ist ein schönes Schlusswort. Ich bin wirklich gespannt und finde dieses Thema sehr spannend. Das sind Fragen, die mich beschäftigen und wahrscheinlich jeden beschäftigen: Nimmt das überhand? Ist das gut? Ist das nicht gut?

David Reger
Es nimmt überhand.

Timothea Imionidou
Und das ist gut so.

David Reger
Es wird ein Moment kommen. Es ist wie mit der Milch im Kühlschrank: Dann steht sie im Kühlschrank, und kein Mensch weiß mehr, wie man eine Kuh melkt. Früher war es so: Du kannst keine Milch trinken, wenn du nicht weißt, wie man melkt. Ich glaube, genau so wird es mit vielen anderen Dingen in der Zukunft sein. Wir dürfen uns frei aussuchen: Wollen wir uns im Schwarzwald einen schönen Bauernhof buchen und eine Woche Bauernhof spielen, weil wir es wollen? Wir sind selbstbestimmt. Wir müssen aber nicht jeden Tag aufstehen, unsere Kuh melken und all diese Dinge tun. Diese Dinge verändern sich in der Zukunft. Ich glaube nicht, dass wir gezwungen werden, Technologien anzunehmen. Sie werden sich natürlich um uns herum platzieren, hoffentlich so, dass sie den Menschen nicht ersetzen, sondern unterstützen. Sie sollen ein Werkzeug sein, das unseren Alltag so erleichtert und verbessert, dass wir wieder Menschlichkeit pflegen.

Timothea Imionidou
Und wer weiß: Wenn ich irgendwann einen Roboter zu Hause habe, der meinen Haushalt macht, denke ich vielleicht plötzlich, dass ich Haushalt eigentlich total gerne mache – und mache es dann viel lieber selbst.

David Reger
Man merkt es erst, wenn es nicht mehr da ist. Dann aber wenigstens wieder selbstbestimmt. Dann sage ich: Hey, 4NE1, bleib ruhig in der Ecke, ich mache das jetzt selbst. Aber wenn ich länger arbeite und nach Hause komme, möchte ich nicht erst alles aufräumen, sondern Zeit mit meinem Kind verbringen. Ich nehme da immer ein Beispiel aus meinem eigenen Leben. Ich sehe meine Töchter sehr selten. Wenn ich sie sehe, fragen sie: Spielen wir etwas? Sie freuen sich immer, mit mir zu spielen. Dann sage ich: Ja klar. Wir gehen hoch, ich freue mich auch, und dann fangen sie an, alles herauszuholen, weil sie natürlich alles mit mir spielen wollen. Und was denke ich als Vater in diesem Moment? Eigentlich sollte ich mich einfach freuen und den Moment genießen. Aber ich denke schon wieder: Shit, das muss man alles wieder aufräumen. Dann kommt die Diskussion danach. Gleichzeitig will man sie irgendwie erziehen. Aber im Endeffekt sind das Dinge, die zukünftig keine Rolle mehr spielen werden. Es ist einfach gemacht.

Timothea Imionidou
Das stimmt. Mein Sohn räumt manchmal eine Spielkiste aus und schon in dem Moment sage ich: Das muss dann aber wieder aufgeräumt werden. Wie soll man da in Ruhe spielen? Ein sehr spannendes Thema. Vielen lieben Dank, dass Sie hier bei uns waren und Ihre Einblicke geteilt haben.

David Reger
Ich danke, dass ich hier sein durfte. Eine große Ehre. Was für ein schöner Ort.

Timothea Imionidou
Ja, total schön. Ich wünsche Ihnen noch ein paar schöne Stunden hier auf der Insel. Danke schön. Und Ihnen natürlich auch wieder vielen lieben Dank fürs Zuhören und fürs Zusehen. Alle weiteren Infos finden Sie auf willipedia.plattes.net.

Autorin: Timothea Imionidou / Mitarbeit: C. Schittelkopp

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