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NEU DENKEN 2026: Wider den Untermut

Standing Ovations und inspirierendes Ambiente: Blick auf alle Vorträge, Debatten und Beiträge bei der 9. Ausgabe des Wirtschaftsforums im Castillo Hotel Son Vida.

01. Juni 2026

Am Anfang stand eine Frage: Kann Europa Zukunft? Um diese Frage zu beantworten sowie um die derzeitigen globalen Verwerfungen, technologischen Disruptionen und politischen Reformbemühungen zu analysieren, kamen zur 9. Ausgabe des Wirtschaftsforums NEU DENKEN Experten aus New York und dem Silicon Valley zu Wort, aus Berlin und Wien, aus Vaduz oder Kyjiw.

Die knapp 50 Referenten, die während des dreitägigen Forums unter der redaktionellen Leitung von Sabine Christiansen ihre Expertise beisteuerten, bemühten sich nach Kräften, den Wunsch von Gastgeber Willi Plattes zu erfüllen: Er wolle kein Gejammer hören, sondern Vorschläge, Ideen und Konzepte, wie es besser laufen könne, appellierte der CEO der PlattesGroup am stimmungsvollen Eröffnungsabend auf der Terrasse des Castillo Hotel Son Vida in Palma, wo auch der balearische Vizepräsident Dr. Antoni Costa die Gäste begrüßte. 

Mit einem Wort: Es ging um Zuversicht. Und dieses Stichwort nahmen zahlreiche Referenten als roten Faden auf, spannen diesen weiter und übersetzten diese Haltung auch direkt in eine Handlungsempfehlung: Gefragt sei Tatkraft statt dem allseits zu diagnostizierenden “Untermut” - Gegenteil des “Übermuts” früherer Zeiten der deutschen Geschichte - , um die derzeitigen Herausforderungen zu meistern. 

Nicht nur die Referenten, auch die Gäste trugen beim Networking in den Pausen sowie bei den Events am Abend einen wesentlichen Teil dazu bei, dass eine inspirierende und zuversichtliche Debatte entstand. 

So klappt es mit Reformen in Deutschland

Konkret in Sachen Reformdebatte wurde es mit Unternehmer und Investor Torsten Toeller (“Fressnapf”), dem CDU-Jungpolitiker Johannes Volkmann sowie Christoph Ahlhaus, dem Präsidenten des Mittelstandsverbands BVMN, außerdem mit Rolf Buch, Executive Advisor KKR, Jörg Rocholl, ESMT-Präsident und Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats beim Bundesfinanzministerium, und Alexander Birken, Aufsichtsratschef der Otto Group. 

Es müsse möglich sein, inhaltlich Kritik zu äußern und den Finger in die Wunde zu legen, ohne als illoyal oder als Apokalyptiker zu gelten, so die einhellige Meinung. Was früher die geistig-moralische Wende gewesen sei, könnte heute unter neuen Vorzeichen als Mindset-Change gelingen. Doch statt lösungsorientiert über die Probleme zu reden, würden in der derzeitigen Regierungskoalition in Berlin zentrale Themen ideologisiert und Fristen gesetzt, die dann nicht eingehalten werden könnten. 

Dabei sei es wichtig, mit ersten, wenn auch kleinen Fortschritten ein Signal zu setzen, dass man Vertrauen in Deutschland haben könne, und auf diese Weise eine Aufwärtsspirale in Gang zu setzen. Schließlich müssten nicht nur die Hausaufgaben bei Renten- und Haushaltsreform erledigt werden, sondern es sei Weitblick über dieses Pflichtprogramm hinaus nötig. Konkret: Schlüsseltechnologien wie Raumfahrt, Quantencomputing oder Defense definieren, “Sonderzonen” für deren konsequente Förderung einrichten und mit Leuchtturmprojekten dafür sorgen, dass endlich wieder Zuversicht aufkomme.

Fotogalerie: Impressionen vom Event

Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen aus dem Frühjahrsgutachten des Sachverständigenrats Wirtschaft steuerte Prof. Dr. Gabriel Felbermayr bei, Direktor des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung und seit März 2026 Mitglied dieses Rats. Eine konsequente Vollendung des europäischen Binnenmarktes, gezielte Investitionen in eine höhere Qualität der Infrastruktur statt reinem Subventionismus, drastische Reformen der sozialen Sicherungssysteme – die Marschrichtung müsste eigentlich klar sein. 

Aber warum fällt es uns so schwer, das umzusetzen, was wir als richtig und notwendig anerkannt haben? Diesen Akrasia-Effekt, also die Lücke zwischen Einsicht und Umsetzung, erklärte Prof. Dr. Dr. Ann-Kristin Achleitner, stellvertretende Vorsitzende des Investitions- und Innovationsbeirats beim Bundesfinanzministerium sowie Direktorin des Center for Entrepreneurial and Financial Studies der TU München. 

Dass gerade angesichts der vielen Probleme im Mittelstand die Lamentier-Falle droht, zeigte die Debatte “Germany´s backbone in danger” mit einem Input von Marie-Christine Ostermann, der Präsidentin des Verbands Die Familienunternehmer. Zu dem Panel mit Dr. Sumeet M. Gulati, Investor Genui GmbH, und Teresa Schawe, Partnerin und Managing Director der Unternehmensberatung Kearney, wurde live Manuel Hagel zugeschaltet. Der stellvertretende Ministerpräsident von Baden-Württemberg sowie Landesminister für Inneres, Digitalisierung und Europa gab Einblicke in das Miteinander von Schwarz-Grün, konkretisierte Reformpläne und übte auch Selbstkritik. Als konstruktive Botschaft aus dem Panel blieb der Appell, eigene Strategien zu überdenken, anstatt Fehler ausschließlich bei anderen Playern zu suchen, bei Transformationsprozessen Konflikte nicht zu scheuen und die Kommunikation mit der Bevölkerung zu verbessern – warum nicht öfters eine Ansprache ans Volk?

Dass Wolfgang Kubicki einen direkten Draht zu seinen möglichen Wählern hat, bewies er bei einer Live-Schalte vom Parteitag in Berlin, wo er Stunden später zum neuen Vorsitzenden der FDP gewählt werden sollte. Der Ex-Vizepräsident des Deutschen Bundestages gab Einblick in seine Strategie, wie er die Liberalen wieder im bundesdeutschen Parteienspektrum positionieren möchte und wie seine Partei dabei helfen könnte, Deutschland wieder nach vorne zu bringen. 

Klartext von Joachim Gauck und Sebastian Kurz

“Jungunternehmer und Altkanzler” Sebastian Kurz beschrieb in einem kurzweiligen Gespräch mit Sabine Christiansen die veränderte Wahrnehmung Europas in der Welt und analysierte die Probleme bei der Priorisierung von Wettbewerbspolitik. Der frühere Bundeskanzler Österreichs und heutige KI-Unternehmer, der nach seinem Ausscheiden aus der Politik und angesichts der geltenden Chatham House Ruleauf der Bühne von NEU DENKEN Klartext sprach, berichtete zudem vor dem Hintergrund des eskalierenden Nahost-Konflikts, wie unterschiedlich er die Resilienz in den dortigen Ländern wahrnimmt (Sebastian Kurz im ausführlichen Interview).

Standing Ovations gab es für den Ehrengast von NEU DENKEN 2026: Der ehemalige Bundespräsident Dr. h.c. Joachim Gauck sprach den anwesenden Vertretern aus Politik und Wirtschaft Mut zu, Verantwortung und Führung zu übernehmen. Zu seiner genauso kurzweiligen wie geradezu therapeutischen Analyse der Lage in einem vom Erfolg verwöhnten Land gehörten Stichwörter wie Zukunftsfeindlichkeit und Innovationsschwäche, aber auch die ambivalenten Folgen des Sozialstaats oder der historisch bedingte Mangel an Mut und an Tatkraft eines politischen Führungspersonals, das sich an Umfragen statt an einer stringenten Zukunftsvision orientiert. Zudem führte Gauck aus, was seiner Analyse zufolge im Umgang mit der AfD schief läuft. 

In diesem Kontext analysierte Dr. Rainer Esser, Executive Advisor der Holtzbrinck Publishing Group, den Strukturwandel der Medienlandschaft, die ethische Verantwortung im Journalismus und Rezepte gegen die allgemeine Vertrauenskrise. 

Richtig und nachhaltig investieren

Dass die deutschen Innenansichten oftmals negativer sind als der Blick von außen, zeigte der Vortrag “Alternative investing – Anlegen in einem unsicheren Umfeld” von Roberto Paganoni, dem CEO von LGT Capital Partners.

Eine genauso nachhaltiges wie soziales Investment bietet derweil der diesjährige Träger des Impact Awards: Plastic Fisher sammelt weltweit Müll in Flüssen, bevor er in die Ozeane gelangen und sich dort zu schädlichem Mikroplastik zersetzen kann. Wie CEO Karsten Hirsch und Partnerships Manager Felix Vieg erklärten, setzt ihr Start-up auf einfache, aber hocheffiziente Technik, einheimische Teams sowie Sortierung und Recycling. Dabei geht es nicht um Charity: Firmen kaufen vielmehr den verifizierten "Impact" ein, um eigene Nachhaltigkeitsziele greifbar und lückenlos nachvollziehbar umzusetzen.

Zwischen China und den USA

Entgegen dem allgemeinen Unken über die Zukunft der Autoindustrie in Deutschland bietet gerade das Thema autonomes Fahren echte Perspektiven im globalen Wettstreit. Das wurde im Vortrag von Rafael Kleinmann klar. Der Senior Manager Project Management Automated Driving and Parking bei Mercedes-Benz führte in den aktuellen Entwicklungsstand ein und zeigte die nächsten, unmittelbar bevorstehenden Schritte bei der Implementierung in Deutschland und Europa auf.

Den Blick auf die globale Konkurrenzsituation weiteten anschließend Dr. Christine Sachseneder, Partnerin und Managing Director Automotive bei Kearney, und der China-Experte Björn Conrad, CEO bei Sinolytics, der einen Impuls zum asiatischen “Innovations-Fitness-Studio” und dessen konsequenter, lange unterschätzter Industriepolitik gab. Es ist eine Politik, die bereits jetzt eine “neue Welt” zur Folge hat und in der Deutschland nur mithalten kann, wenn es die viel diskutierten Reformen auf den Weg bringt.

Und welche Rolle spielen dabei die USA mit ihrem Präsidenten und seiner erratischen Politik? Dieser Frage ging ein Panel der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) nach. Daran teil nahmen Dr. Kenneth R. Weinstein vom Hudson Institute, Finanzmanager Paul Achleitner (hier im Podcast mit Sabine Christiansen), Top-Managerin Susanne Wiegand, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), sowie David Knower, COO and Managing Director von Cerberus Deutschland. Die Referenten analysierten den Pragmatismus Donald Trumps, die Antworten, die Europa in Sachen Leadership und militärischer Stärke darauf geben muss, sowie auch die nötigen Strategien bei der Sicherung von Rohstoffen und Energieversorgung.

Ein zweites MSC-Panel ergänzte die sicherheitsrelevanten Aspekte in der internationalen Ordnung. Die Frage, wie Russland und die Ukraine tatsächlich militärisch dastehen und wie eine gemeinsame Sicherheitsstrategie in Europa gelingen kann, beantworteten US-General Christopher G. Cavoli, ehemaliger NATO-Oberbefehlshaber Europa, Dr. Michael Schöllhorn, CEO Airbus Defence and Space, Dr. Ali Fathollah-Nejad, Direktor des Center for Middle East and Global Order (CMEG), sowie live zugeschaltet aus Kyjiw Taras Kachka, der Vizepremier der Ukraine. Im Stand-up-Talk erklärte zudem Jürgen-Joachim von Sandrart, Generalleutnant a.D., die Fundamente einer gerechten Wehrpflicht. 

Einen analytischen Blick auf die nötige Resilienz in einer fragmentierten Welt und die Rolle von Infrastruktur und Lieferketten bei der Energieversorgung ergänzten darüber hinaus Musabbeh Al Kaabi, CEO Upstream bei ADNOC und Co-Vorsitzender des German UAE Business Council, sowie Jacob Meins, Chief Commercial Officer der RWE Supply & Trading GmbH.

Von Raumfahrt bis Robotik: Wo Deutschland Zukunft kann

Wie massiv deutsche Unternehmen im Bereich Raumfahrt aufgeholt haben und wie immens das weitere Potenzial angesichts der neuen Rahmenbedingungen ist - kleinere Satelliten, mehr Launches, steigender Bedarf nach Trägersystemen -, wurde deutlich im Gespräch mit Markus Moeller, CSO bei OHB SE, einem der führenden Raumfahrtunternehmen Europas, und Hendrik Brandis, dem Gründer von Earlybird.

Startups sind dabei nicht nur eine Wette auf künftige Erfolgsunternehmen, sondern auch ein enormes Jobprogramm. Und das Klischee, dass dabei viel Geld “verbrannt” werde, müsse endlich aus den Köpfen. Das war eine der Erkenntnisse der Debatte mit dem Investor Christian Miele, Hakan Koç, dem CEO von 1Global und Gründer von Auto1, Europas größter Handelsplattform für Gebrauchtwagen, sowie Satjiv Chahil, dem ehemaligen Apple-Pionier, der seine Vision von einem neuen, “verbesserten” Silicon Valley in München vorstellte (siehe ausführliches Interview).

Auch wenn Akteure aus den USA und China derzeit den Kurs bei Suchmaschinen, Datenströmen und KI diktierten und Europa in eine gefährliche Abhängigkeit zu geraten drohe, stehe man nicht bei null, sondern verfüge über leistungsstarke Plattformen und Kompetenzen, die aktiv genutzt werden müssen. Es gehe darum, nicht in Kleinstaaterei zu verfallen, sondern das Team Europa zu stärken, um nicht zum globalen Spielball zu werden. Das wurde klar durch den Input unter anderem von Dr. Ingo W. Marfording, Deputy CEO und COO Sopra Steria GER & AT, Martin Merz, President Sovereign Cloud SAP SE, sowie Manfred Knof, Ex-CEO Commerzbank.

Warum insbesondere die Robotik zum Schlüssel für Wettbewerbsfähigkeit sowie zur Antwort auf den Fachkräftemangel gerade auch in Deutschland wird und welche Dimensionen die anstehende technische Revolution in Kürze annimmt, führte David Reger aus, CEO von Neura Robotics (siehe ausführliches Interview). Zur Demonstration, wie intelligente Maschinen die Menschen in Industrie und Alltag unterstützen und neue Möglichkeiten der Automatisierung eröffnen, hatte er als weiteren Gesprächspartner im Interview mit Sabine Christiansen auch den autonomen humanoiden Roboter 4NE1 mitgebracht. 

Konkrete und aktuelle Erfahrungen mit der Implementierung innovativer Technologien wie Robotik und KI schilderte den Gästen des Wirtschaftsforums Petra Scharner-Wolff, die neue Vorstandsvorsitzende Otto Group. 

Auch Özlem Dikmen, vorsitzende Geschäftsführerin von Philip Morris Deutschland, hatte von einem spannenden Transformationsprozess zu berichten: Der Konzern erfindet sich gerade neu und ersetzt Zigaretten mehr und mehr durch rauchfreie Produkte. 

Und der Luftfahrtexperte und Ex-Pilot Stefan Kracht (KRACHT Aviation Consulting), hatte als Praxisbeispiel ein Projekt mitgebracht, bei dem Flugzeuge auf dem Airportgelände durch Robotik automatisiert und autonom ohne Triebwerksleistung gesteuert werden sollen. 

Kann Europa also Zukunft? Die Antwort, die sich nach der 9. Ausgabe des Wirtschaftsforums aufdrängt, lautet: Ja, wenn sich das Mindset ändert und dem “Untermut” kein Raum gelassen wird. Wenn die Lücke zwischen Erkenntnis und Umsetzung geschlossen wird. Wenn der Schritt vom NEU DENKEN zum NEU HANDELN gelingt.

So geht es weiter

Die Initiatoren Sabine Christiansen und Willi Plattes versprachen am Ende der Veranstaltung, auch zur 10. Ausgabe von NEU DENKEN im kommenden Jahr bei der Teilnehmerzahl nicht wachsen zu wollen. Um den Gästen der Ausgabe dieses Jahres die erneute Teilnahme zu sichern, erhalten diese in den kommenden Wochen auf dem Postweg Gelegenheit für eine frühzeitige Reservierung. 

In Arbeit ist zudem wieder eine ausführliche Informationsbroschüre, die nicht nur die Inhalte in Analysen und Interviews unter Einhaltung der Chatham House Rules zusammenfasst - die Referenten dürfen nicht zitiert werden -, sondern auch Impressionen vom Eröffnungsabend sowie vom Sundown Get-Together im Restaurant Yara in Puerto Portals auf Einladung von Philip Morris umfasst. 

Bei den Interviews und Debatten hatte Medienunternehmerin Sabine Christiansen, die das Wirtschaftsforum inhaltlich leitet, weitere Topvertreter der deutschen Medienbranche zur Seite: Michael Bröcker, Chefredakteur Table.Briefings, Horst von Buttlar, Chefredakteur der WirtschaftsWoche, Dagmar Rosenfeld, Podcast Machtwechsel, sowie Ulrich Reitz, Chefkorrespondent Wirtschaft von RTL und ntv.

Zu den Premium-Kooperationspartnern der Ausgabe 2026 gehörten die Mercedes-Benz Group AG, die Privatbank LGT, der Industriekonzern Philip Morris International, der Tech-Player Sopra Steria, die globale Managementberatung Kearney, der Energieanbieter Aurivolt Energy, Bauprojektentwickler Domus Vivendi Group sowie das Bauprojektmanagementbüro Matrol. Mit ihrer Unterstützung trugen diese Partner dazu bei, den Austausch zwischen Wirtschaft, Politik und Investoren zu fördern und zentrale Zukunftsthemen aus unternehmerischer Perspektive zu diskutieren (alle Partner des Events).

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