"Pessimismus ist ein Luxus, den sich ein Land mit den Fähigkeiten Deutschlands nicht leisten kann"
12. Mai 2026
Er nimmt NEU DENKEN wörtlich: Satjiv Chahil hat die digitale Revolution aus nächster Nähe miterlebt und die Entwicklung von Apple an der Seite von Steve Jobs mitgeprägt. Heute richtet der indisch-amerikanische Tech-Pionier und Marketing-Experte seinen Blick nach Europa und setzt große Hoffnungen in die Region München. Seine These: Im Herzen Europas könnte ein neues Technologiezentrum entstehen, das nicht nur Innovation vorantreibt, sondern auch aus den Fehlern des Silicon Valley lernt.
Der Verfechter für Bildung, Gleichberechtigung und ethische Technologie-Nutzung ist einer von mehr als 40 Referenten beim Wirtschaftsforum NEU DENKEN vom 28. bis 30. Mai.
Sie haben Silicon Valley als ein Wunder der Innovation beschrieben, zugleich aber auch als ein unvollendetes Experiment. Was genau meinen Sie damit?
Als ich Anfang der 1980er-Jahre zum ersten Mal ins Silicon Valley kam, war es ein Ort, wie ich ihn noch nie erlebt hatte. Ich kam von IBM, dem Inbegriff des gepflegten, konservativ zugeknöpften Establishments der Ostküste. Und hier waren langhaarige Wissenschaftler, die Grateful Dead hörten und wirklich daran glaubten, die Welt verändern zu können – und es dann tatsächlich taten. Der Personal Computer, die grafische Benutzeroberfläche, Desktop-Publishing, der Internetbrowser, Multimedia, das Smartphone: All das entstand aus einer Kultur, die radikal offen, interdisziplinär und idealistisch war. In diesem Sinne war es ein Wunder – eine Verbindung aus Talent, Kapital, akademischer Brillanz, Einwanderung und einem eigentümlich kalifornischen Optimismus, die in wenigen Jahrzehnten mehr folgenreiche Erfindungen hervorbrachte als die meisten Zivilisationen in Jahrhunderten.
Das ursprüngliche Silicon Valley war von Menschen geprägt, die Gedichte lasen,
Philosophie studierten und mit Musikern zusammenarbeiteten.
Aber ich nenne es ein unvollendetes Experiment, weil der ursprüngliche Geist irgendwann auf diesem Weg verraten wurde. Das Valley, das ich kannte, war von dem Wunsch beseelt, die Welt besser zu machen, Wissen zu demokratisieren und Menschen über Kulturen hinweg miteinander zu verbinden. Was wir heute haben, ist etwas ganz anderes: eine Konzentration außergewöhnlichen Reichtums und außergewöhnlicher Macht in den Händen einer sehr kleinen Zahl von Menschen, die zunehmend von den Geisteswissenschaften, von bürgerschaftlicher Verantwortung und von der breiteren menschlichen Erfahrung entkoppelt sind. Das ursprüngliche Valley war von Menschen geprägt, die Gedichte lasen, Philosophie studierten und mit Musikern zusammenarbeiteten. Die heute dominierenden Figuren behandeln Technologie allzu oft als Instrument der Kontrolle und Abschöpfung, nicht als Mittel der Befreiung und Bereicherung.
Und nun sehen wir, dass sich der Schwerpunkt der Innovation noch weiter verschiebt – hin zu Dual-Use- und Militärtechnologien, neben Energie, autonomen Systemen und KI. Ich verstehe die geopolitischen Zwänge, die diese Verschiebung antreiben. Aber sie beunruhigt mich zutiefst, weil sie eine weitere Abkehr vom Gründungsversprechen des Silicon Valley darstellt: dass Technologie der Menschheit dienen sollte. Das Experiment ist unvollendet, weil dieses Versprechen unterbrochen wurde. Und ich glaube, dass es an Menschen mit Gewissen liegt, im Silicon Valley und darüber hinaus, diese Arbeit wieder aufzunehmen und zu vollenden.
Welche Erkenntnisse und Konzepte ziehen Sie aus Ihren Erfahrungen im Silicon Valley und aus Ihrer Zeit bei Apple, Palm und HP?
Ich hatte das außergewöhnliche Privileg, bei mehreren entscheidenden Momenten der digitalen Revolution dabei zu sein: bei der Entstehung des Multimedia-Computings bei Apple, bei der Entwicklung des ersten wirklich persönlichen mobilen Geräts bei Palm und bei der Kampagne, den Personal Computer bei HP wieder persönlich zu machen. Aus diesen Erfahrungen habe ich einige Überzeugungen gewonnen, die ich für zeitlos halte.
Die erste lautet: Technologie ist für sich genommen träge. Sie wird erst dann bedeutsam, wenn sie sich mit menschlicher Kultur verbindet – mit Musik, Film, Mode, Sport, Bildung, Gesundheit. Als wir bei Apple mit Peter Gabriel zusammenarbeiteten, um eine der ersten interaktiven Multimedia-Erfahrungen zu schaffen, oder als wir eine Allianz mit den Abbey Road Studios eingingen, zeigten wir, dass der Computer ein Instrument kreativen Ausdrucks sein konnte und nicht nur ein Arbeitsgerät für Unternehmen. Diese Erkenntnis, dass Technologie in das Gewebe des menschlichen Lebens eingewoben werden muss, um ihr volles Potenzial zu entfalten, ist heute genauso dringlich wie 1992.
Die zweite Lehre ist, dass die kraftvollsten Innovationen an den Grenzen zwischen Disziplinen entstehen, nicht innerhalb einzelner Disziplinen. Die Menschen, die die transformativsten Produkte geschaffen haben, waren selten reine Technologen. Es waren Menschen, die Musik und Ingenieurwesen verstanden, oder Film und Software, oder Mode und Hardwaredesign. Dieses interdisziplinäre Gespür sehe ich in der besten europäischen Kultur. Und ich glaube, dass Europa mit deutlich größerem Selbstvertrauen darauf setzen sollte.
Scheitern ist nicht das Gegenteil von Innovation,
sondern ein wesentlicher Bestandteil davon.
Die dritte Lehre lautet: Marketing ist im besten Sinne nicht bloß Überzeugung, sondern Verbindung und Inspiration. Es ist die Kunst, Menschen begreiflich zu machen, warum eine Innovation für ihr Leben wichtig ist. Jedes großartige Produkt, an dem ich beteiligt war, hatte nicht deshalb Erfolg, weil es überlegene technische Spezifikationen hatte, sondern weil wir einen Weg fanden, es emotional und kulturell zum Klingen zu bringen.
Und die vierte Lehre, die ich schmerzhaft in den Jahren gelernt habe, als Apple beinahe zusammenbrach, lautet: Scheitern ist nicht das Gegenteil von Innovation, sondern ein wesentlicher Bestandteil davon. Die Kultur des Silicon Valley in ihrer besten Form verstand Scheitern als Lernmechanismus. Das ist eine Lehre, von der Deutschland und Europa meiner Ansicht nach enorm profitieren würden, wenn sie sie verinnerlichten.
Wie sind Sie erstmals auf München aufmerksam geworden?
Meine Verbindung zu Bayern reicht bis in die frühen 90er-Jahre zurück, als ich gebeten wurde, Apples Bereich New Media and New Markets zu gründen und zusätzlich die Verantwortung als interimistischer Leiter von Apple Europe zu übernehmen. Durch diese Aufgaben, durch meine Arbeit mit BMW und später durch Vorträge und beratende Tätigkeiten für europäische Unternehmen gewann ich aus erster Hand Einblicke in die vielschichtigen Dynamiken und Komplexitäten Europas.
Welches Potenzial haben Sie erkannt?
Was mich sofort beeindruckte und was mich bis heute beeindruckt, ist die außergewöhnliche Tiefe der ingenieurtechnischen Exzellenz in dieser Region. Bayern verfügt über einige der besten Talente der Welt in Präzisionsfertigung und Ingenieurwesen – in der Automobilindustrie, in der Industrietechnologie, in der Optik, in der Medizintechnik. Das ist kein kleiner Vorteil. Es steht für Generationen an angesammeltem Wissen, institutioneller Disziplin und handwerklichem Können.
Würde man eine Stadt entwerfen, die Europas Antwort auf die Innovations-
Herausforderung werden soll, sähe sie sehr wahrscheinlich aus wie München.
Was mich an München jedoch am meisten begeistert, ist nicht nur das, was es bereits ist, sondern das, was es werden könnte. München liegt an einem bemerkenswerten Schnittpunkt: Weltklasse-Universitäten im technischen Bereich, ein lebendiges kulturelles Leben, eine kosmopolitische Bevölkerung, Nähe zum Herzen Europas und eine industrielle Basis, die aktiv nach digitaler Transformation sucht. Wenn man eine Stadt entwerfen würde, die Europas Antwort auf die Innovationsherausforderung werden soll, sähe sie sehr wahrscheinlich aus wie München.
Was München braucht – und was es meiner Ansicht nach gerade zu entwickeln beginnt –, ist eine größere Bereitschaft, über Optimierung hinauszudenken und sich in Richtung Erfindung zu bewegen. Die deutsche Ingenieurtradition ist hervorragend darin, Dinge besser zu machen. Der nächste Schritt besteht darin, die Kultur und das Selbstvertrauen zu entwickeln, Dinge zu schaffen, die es zuvor noch nie gegeben hat. Ich glaube, München verfügt über jede einzelne Zutat, die für diese Transformation notwendig ist. Und ich empfinde es als Privileg, Teil des Gesprächs darüber zu sein, wie diese Transformation gelingen kann.
Wie erleben Sie Deutschland und seine Menschen?
Ich habe in den vergangenen Jahren zunehmend mehr Zeit in Deutschland verbracht, und jeder Besuch vertieft meine Zuneigung zu diesem Land und meinen Respekt. Ich empfinde Deutschland als eine zutiefst ernsthafte Zivilisation: ernsthaft in Bezug auf Qualität, ernsthaft in Bezug auf Verantwortung, ernsthaft in Bezug auf Geschichte, ernsthaft in Bezug auf die Umwelt. Das sind keine kleinen Dinge. In einer Welt, die in Fragen von Bedeutung gefährlich leichtfertig wird, ist Deutschlands Ernsthaftigkeit ein enormer Vorteil.
Was ich ebenfalls wahrnehme – und was ich mir wünsche, dass mehr Deutsche es von außen erkennen könnten –, ist, dass dieses Land über eine außergewöhnliche kulturelle Fülle verfügt, die es manchmal selbst unterschätzt. Allein die musikalische Tradition, von Bach über Beethoven und die Berliner Philharmoniker bis hin zur lebendigen elektronischen Musikszene, gehört zu den größten Leistungen der Menschheit. Die literarische und philosophische Tradition ist ebenso beeindruckend. Und die Art und Weise, wie Deutsche Umweltbewusstsein in das tägliche Leben integrieren, ist etwas, das der Rest der Welt sorgfältig studieren sollte.
Wenn ich offen sein darf: Ich beobachte manchmal, dass Deutsche zu sehr von Selbstzweifeln erfüllt sind. Es gibt hier eine selbstkritische Neigung, die in ihrer Demut bewundernswert ist, aber kontraproduktiv werden kann, wenn sie in Selbstzweifel umschlägt. Ich sage meinen deutschen Freunden: Aus der Asche der Katastrophe haben Sie eine der erfolgreichsten, menschlichsten und am besten organisierten Gesellschaften der Menschheitsgeschichte aufgebaut. Das ist eine Leistung von beinahe unvorstellbarer Größe. Stehen Sie dazu. Bauen Sie darauf auf. Und haben Sie das Selbstvertrauen, es nach außen zu tragen.
Reformstau und politische Polarisierung sind reale Probleme…
Ich verstehe den Pessimismus, und ich nehme ihn ernst. Aber ich würde vorsichtig sagen: Pessimismus ist ein Luxus, den sich ein Land mit den Fähigkeiten Deutschlands nicht leisten kann. Und wichtiger noch: Er ist durch die Fakten nicht gerechtfertigt.
Lassen Sie mich eine Perspektive von außen anbieten. Wenn ich auf Deutschland blicke, sehe ich die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt, ein Land mit einem Handelsüberschuss, der auf wirklich exzellenten Produkten beruht, eine der qualifiziertesten und produktivsten Arbeitnehmerschaften der Erde, ein Netz von Universitäten und Forschungseinrichtungen, das global wettbewerbsfähig ist, und eine soziale Infrastruktur – Gesundheitswesen, Bildung, Rechtsstaatlichkeit –, von der die meisten Länder nur träumen können. Das sind gewaltige Grundlagen.
Die Energiewende ist komplex. Bürokratie kann lähmend sein. Die digitale Infrastruktur muss modernisiert werden. Und politische Polarisierung ist eine echte Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Aber ich habe Unternehmen und Länder erlebt, die weit prekärere Situationen gemeistert haben. Apple stand, als ich dort war, nur wenige Wochen vor der Insolvenz, bevor es zum wertvollsten Unternehmen der Welt wurde. Indien war, als ich es in den 1970er-Jahren verließ, eine stagnierende, kontrollierte Volkswirtschaft, in den 1980er-Jahren am Rand des Zusammenbruchs – und erfand sich dann neu. Heute ist es eines der dynamischsten Technologie-Ökosysteme der Welt. Transformation ist immer möglich, wenn Talent, Disziplin und der Wille zur Veränderung vorhanden sind.
Deutschland sollte nicht versuchen, mit dem Silicon Valley
nach dessen eigenen Regeln zu konkurrieren.
Gerade im technologischen Bereich sehe ich enorme Chancen für Deutschland. Die Verbindung von künstlicher Intelligenz mit fortgeschrittener Fertigung – was manche Industrie 5.0 nennen – spielt direkt den Stärken Deutschlands in die Hände. Der Mittelstand mit seiner tiefen Fachkenntnis in spezifischen industriellen Bereichen ist ideal positioniert, um KI-Anwendungen zu entwickeln, die die großen amerikanischen Plattformunternehmen nicht leicht kopieren können, weil ihnen dieses Domänenwissen fehlt. Deutschland sollte nicht versuchen, mit dem Silicon Valley nach dessen eigenen Regeln zu konkurrieren. Es sollte die neuen Technologien auf jene Bereiche anwenden, in denen Deutschland bereits führend ist: Automobilindustrie, industrielle Automatisierung, Präzisionsmedizin, Energiesysteme, Materialwissenschaft.
Und ich möchte etwas hinzufügen, das meiner Meinung nach nicht oft genug gesagt wird: Während die Aufmerksamkeit der Welt vom geopolitischen Technologiewettlauf in Anspruch genommen wird, ist die größte Herausforderung, vor der die Menschheit steht, nicht der Wettbewerb zwischen Nationen. Es ist die Herausforderung, die wir uns selbst stellen – durch Klimawandel und Umweltzerstörung. Das ist keine obskure oder spekulative Bedrohung. Sie beruht auf harten Fakten und Zahlen. Und genau hier haben Deutschland und Europa eine einzigartige Chance, Führung zu übernehmen. Der Anspruch, der im European Green Deal und im Clean Industrial Deal verankert ist, versetzt Europa in die Lage, eine nachhaltige industrielle Transformation anzuführen – eine Transformation, die nicht optional, sondern unverhandelbar ist. Das ist kein Grund für Pessimismus. Es ist eine Quelle tiefen Sinns. Investitionen werden der Vision folgen. Und Deutschland hat mehr Gründe für Vision als für Pessimismus.
Wie haben Politiker und Unternehmer in Deutschland auf Ihre Ideen und Visionen reagiert?
Ich habe deutsche Unternehmer als außergewöhnlich aufgeschlossen erlebt – ja, geradezu hungrig nach frischen Perspektiven darauf, wie sie Innovation tiefer in ihre Unternehmen integrieren können. Es gibt einen echten Wunsch zu lernen, sich anzupassen und sich weiterzuentwickeln. Was ich am meisten bewundere, ist, dass dieser Wunsch mit der Weigerung einhergeht, jene Werte aufzugeben, die deutsche Unternehmen erfolgreich gemacht haben: Qualität, Zuverlässigkeit, langfristiges Denken, Verantwortung gegenüber Mitarbeitern und Gemeinschaften. Die besten deutschen Unternehmer, die ich kennengelernt habe, interessieren sich nicht für Disruption um ihrer selbst willen. Sie wollen auf eine Weise Innovation umsetzen, die nachhaltig und menschlich ist. Das ist ein zutiefst wichtiger Instinkt, und er sollte ermutigt, nicht aufgegeben werden.
Die deutschen Politiker scheinen es inzwischen verstanden zu haben. Als ich in den 90er-Jahren erstmals vor Parlamentariern in Bonn sprach, zeigten sie sich desinteressiert an den neuen Technologien aus dem Silicon Valley. Das war nicht einzigartig für Deutschland, sondern überall eine Herausforderung. Aber ich würde sagen, dass die politische Klasse in Deutschland und in ganz Europa inzwischen zunehmend erkennt, dass die technologische Transformation nicht optional ist und dass die Wettbewerbsfähigkeit des Landes davon abhängt, sie mit größerer Dringlichkeit anzunehmen. Überall gibt es die Bereitschaft, mutig über Münchens Rolle als europäisches Innovationszentrum nachzudenken.
Was ich in diesen Gesprächen immer betone, ist: Deutschland muss keine Kopie des Silicon Valley werden. Das wäre weder möglich noch wünschenswert. Was Deutschland braucht, ist die Entwicklung einer eigenen Innovationskultur.
Sie haben mit einigen der einflussreichsten Technologieunternehmen der Welt gearbeitet. Welche Unterschiede sehen Sie zwischen amerikanischen und europäischen Führungskulturen, wenn es um Innovation und Risiko geht?
Die amerikanische Innovationskultur ist in ihrer besten Form geprägt von einer außergewöhnlichen Risikotoleranz, der Bereitschaft, in radikal neuen Möglichkeiten statt in schrittweisen Verbesserungen zu denken, und einer Ausführungsgeschwindigkeit, die atemberaubend sein kann. Die Kehrseite ist, dass sie rücksichtslos, kurzfristig orientiert und gleichgültig gegenüber Folgen sein kann – sozialen, ökologischen, menschlichen Folgen.
Die europäische Führungskultur, und insbesondere die deutsche Führungskultur, ist geprägt von Gründlichkeit, Konsensbildung, langfristiger Orientierung und einem tiefen Verantwortungsgefühl gegenüber Anspruchsgruppen jenseits der Anteilseigner. Das sind enorm wertvolle Eigenschaften. Die Herausforderung besteht darin, dass sie manchmal eine Kultur übermäßiger Vorsicht hervorbringen können – eine Neigung, ein Problem so gründlich zu untersuchen, dass sich das Zeitfenster für eine Handlung schließt, bevor gehandelt wird.
Was die Welt meiner Ansicht nach braucht – und was München und Deutschland meiner Überzeugung nach in einzigartiger Weise anbieten können –, ist eine Synthese: die Kühnheit und Geschwindigkeit des amerikanischen Ansatzes, gemildert durch die Verantwortung und Tiefe des europäischen. Ich beschreibe das manchmal als Verbindung von Silicon Valleys Mut mit europäischer Weisheit. Keine dieser Qualitäten allein reicht aus. Zusammen wären sie beeindruckend.
Silicon Valley lebt von internationaler Talentmigration. Was müsste Deutschland verändern, um ein ähnlich attraktiver Standort für globale Spitzentalente zu werden?
Das ist vielleicht die wichtigste Frage für Deutschlands technologische Zukunft. Und ich sage das aus der Überzeugung eines Menschen, dessen gesamte Laufbahn durch Amerikas Bereitschaft möglich wurde, internationale Talente willkommen zu heißen. Das Silicon Valley war historisch der Ort, an dem ein junger Mensch aus Amritsar, Bengaluru, Peking oder São Paulo mit nichts als Talent und Ehrgeiz ankommen konnte und nach der Qualität seiner Ideen beurteilt wurde – nicht nach seiner Hautfarbe oder dem Land in seinem Pass. Diese radikale Offenheit für Talente aus aller Welt hat das Silicon Valley aufgebaut. Punkt.
Deutschland hat in diese Richtung bedeutende Fortschritte gemacht, aber es ist noch ein beträchtlicher Weg zurückzulegen. Die praktischen Hürden – Visa-Bürokratie, Sprachanforderungen, Anerkennung von Qualifikationen – sind gut dokumentiert und werden angegangen, wenn auch zu langsam. Die tiefere Herausforderung ist jedoch kultureller Natur. Deutschland muss eine Willkommensgeschichte entwickeln und in die Welt tragen – eine klare, überzeugende Botschaft, die sagt: Wir wollen die klügsten Köpfe aus aller Welt, wir werden es Ihnen leicht machen, hierherzukommen, und wir werden Ihnen die Möglichkeit geben, etwas Außergewöhnliches aufzubauen.
Die Talentpipeline der Zukunft verläuft ebenso sehr
durch Delhi, Shanghai und Singapur wie durch San Francisco.
Sprache ist ein Teil davon. Ich würde Deutschland und ganz Europa ermutigen, englischsprachige Zugänge in Wirtschaft und Technologie auszubauen, ohne Deutsch und die eigenen Sprachen aufzugeben. Beides schließt einander nicht aus. Noch wichtiger ist jedoch die schwer greifbare Qualität von Offenheit – das Gefühl, dass ein Neuankömmling dazugehören kann. Amerika vermittelte dieses Gefühl in seinen besten Zeiten. Deutschland kann das ebenfalls, und in mancher Hinsicht tut es das bereits. Aber es muss dies bewusster, sichtbarer und ambitionierter tun.
Und ich möchte eine strategische Beobachtung hinzufügen, die oft übersehen wird: Die Zukunft der Menschheit und des Planeten wird in hohem Maße in Asien geprägt werden, wo rund 60 Prozent der Weltbevölkerung leben, unter anderem in Indien und China. Deutschland und Europa sind geografisch und strategisch näher an Asien als die Vereinigten Staaten. Das ist ein enormer Vorteil, der im Wettbewerb um globale Talente sehr viel aktiver genutzt werden könnte. Dennoch blicken viele deutsche Universitäten, Forschungseinrichtungen und Unternehmen reflexartig in die Vereinigten Staaten, wenn es um Inspiration und Partnerschaften geht. Eine Neuausrichtung hin zu stärkerem Engagement mit asiatischen Talenten und asiatischen Partnern ist nicht bloß ratsam, sondern eine strategische Notwendigkeit. Die Talentpipeline der Zukunft verläuft ebenso sehr durch Delhi, Shanghai und Singapur wie durch San Francisco.
Hat Europa noch eine Chance, im Technologiewettlauf zwischen China und den Vereinigten Staaten mitzuhalten, insbesondere im Bereich KI? Wenn ja, wie?
Europa hat absolut eine Chance – aber nur, wenn es die Frage neu formuliert. Wenn Europa Erfolg so definiert, dass es das nächste Google oder das nächste Baidu aufbauen will, wird es verlieren. Dieses Rennen ist weitgehend entschieden, und die Größenvorteile der amerikanischen und chinesischen Plattformunternehmen sind sehr schwer zu überwinden. Aber das ist das falsche Rennen. Die entscheidendere Frage lautet: Wer wird KI-Anwendungen entwickeln, die das menschliche Leben in konkreten, bedeutsamen Bereichen tatsächlich verbessern? Und hier verfügt Europa über enorme Vorteile, die es noch nicht vollständig ausgeschöpft hat. Nehmen wir das Gesundheitswesen. Europa hat einige der besten medizinischen Forschungseinrichtungen der Welt, universelle Gesundheitssysteme, die große und gut strukturierte Datenmengen erzeugen, und ein regulatorisches Umfeld, das entgegen der verbreiteten Meinung zu einem erheblichen Vorteil werden könnte, weil es Entwickler zwingt, KI-Systeme zu schaffen, die vertrauenswürdig, transparent und sicher sind.
Dieselbe Logik gilt für Fertigung, Energiesysteme, Verkehr und Landwirtschaft. In jedem dieser Bereiche verfügt Europa über tiefes Fachwissen und große Datenbestände. Die Chance besteht darin, das zu entwickeln, was ich souveräne KI-Fähigkeiten nennen würde: KI-Systeme, die europäischen Werten dienen, europäische Daten schützen und europäische Industrien stärken, anstatt diese Fähigkeiten amerikanischen oder chinesischen Plattformen zu überlassen.
Die Regulierung digitaler Technologien lässt sich tatsächlich als Wettbewerbsvorteil interpretieren?
Wir erleben eine Phase, in der die mächtigsten Technologien, die je geschaffen wurden – künstliche Intelligenz, soziale Medien, Überwachungssysteme, Biotechnologie –, global und in großem Maßstab eingesetzt werden, mit minimaler Aufsicht und oft mit schädlichen Folgen. Der gesellschaftliche Schaden, den unregulierte soziale Medienplattformen verursacht haben – für demokratische Institutionen, für die psychische Gesundheit, für den sozialen Zusammenhalt –, ist inzwischen gut dokumentiert. Die potenziellen Risiken unregulierter KI sind, wenn überhaupt, noch größer.
Europäische Standards könnten zum globalen Goldstandard
für vertrauenswürdige Technologie werden.
In diesem Umfeld ist die Tatsache, dass Europa darauf bestanden hat, Leitplanken zu setzen – für Privatsphäre, Datenschutz, algorithmische Transparenz und Plattformverantwortung –, ein Zeichen zivilisatorischer Reife. Und ich glaube, dass der Markt dies zunehmend belohnen wird. Verbraucher und Unternehmen auf der ganzen Welt werden immer sensibler für die Risiken unregulierter Technologie. Sie werden zunehmend Produkte und Plattformen suchen, denen sie vertrauen können. Europäische Standards könnten zum globalen Goldstandard für vertrauenswürdige Technologie werden, ähnlich wie deutsche Ingenieurstandards zum globalen Maßstab für Qualität wurden.
Der Vorbehalt – und er ist wichtig – lautet: Regulierung muss klug sein, nicht bloß schwerfällig. Sie muss Bürger schützen, ohne Innovatoren zu ersticken. Sie muss Grenzen setzen, ohne Ergebnisse vorzuschreiben. Dieses Gleichgewicht richtig zu finden, ist nicht leicht, aber es ist unverzichtbar. Und ich glaube, Deutschland und Europa sind besser als jede andere Weltregion in der Lage, diese Kalibrierung vorzunehmen.
Welches Potenzial sehen Sie im neuen Handels- und Investitionsabkommen zwischen der EU und Indien, insbesondere angesichts der technologischen und lieferkettenbezogenen Abhängigkeiten Deutschlands von China in wichtigen Industriesektoren?
Ich habe einen großen Teil meiner Laufbahn damit verbracht, Brücken zwischen amerikanischer Technologie und indischem Talent zu bauen. Und ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die Beziehung zwischen der EU und Indien eine der folgenreichsten und zugleich am stärksten unterschätzten strategischen Chancen unserer Zeit darstellt. Die Logik ist aus jeder Perspektive überzeugend. Deutschland und Europa müssen ihre Lieferketten diversifizieren und sich von einer übermäßigen Abhängigkeit von China lösen – nicht aus Feindseligkeit gegenüber China, sondern aus kluger strategischer Ausgewogenheit. Indien bietet eine riesige, junge und zunehmend qualifizierte Arbeitnehmerschaft, einen schnell wachsenden Binnenmarkt und ein demokratisches politisches System, das grundlegende Werte mit Europa teilt: Rechtsstaatlichkeit, Pluralismus, freie Meinungsäußerung.
Wie könnten indische Unternehmer profitieren, und wie deutsche Unternehmer?
Für deutsche Unternehmer ist Indien nicht nur eine Quelle kostengünstigerer Ingenieurstalente, obwohl es das ganz gewiss auch ist. Deutschland steht bis 2035 vor einem prognostizierten Mangel von 7 Millionen Arbeitskräften, während Indien bis 2030 voraussichtlich einen Überschuss von 245 Millionen hochqualifizierten Arbeitskräften haben wird – eine Ressource für alle Nationen. Noch wichtiger ist: Indien ist ein Partner mit komplementären Fähigkeiten. Indiens Stärken in Softwareentwicklung, Datenwissenschaft und IT-Dienstleistungen sind gut etabliert. Weniger bekannt außerhalb der Technologiecommunity ist die außergewöhnliche Tiefe der Innovation, die heute in Indien in Bereichen wie Fintech, Healthtech, Edtech und Agrartechnologie entsteht – Innovationen, geboren aus der Notwendigkeit in einem Land, das 1,4 Milliarden Menschen mit begrenzten Ressourcen versorgen muss. Diese Innovationen sind direkt auf Herausforderungen anwendbar, vor denen Europa steht: von der Gesundheitsversorgung über finanzielle Inklusion bis hin zu nachhaltiger Landwirtschaft.
Für indische Unternehmer bieten Europa und Deutschland etwas ebenso Wertvolles: Zugang zu den anspruchsvollsten Verbrauchern der Welt, den strengsten Qualitätsstandards und einer Unternehmenskultur, die langfristige Partnerschaft höher bewertet als kurzfristige Abschöpfung. Indische Unternehmen, die auf dem europäischen Markt erfolgreich sind, gehen daraus als wirklich weltklassige Unternehmen hervor.
Das Abkommen zwischen der EU und Indien ist ein willkommener Schritt,
aber ihm müssen konkrete Maßnahmen folgen.
Die Frage ist nicht, ob sich diese Partnerschaft entwickeln wird, sondern wie schnell und wie ambitioniert die Führung auf beiden Seiten sie vorantreibt. Das Abkommen zwischen der EU und Indien ist ein willkommener Schritt. Aber ihm müssen konkrete Maßnahmen folgen: gemeinsame Forschungsprogramme, Austauschinitiativen für Start-ups, vereinfachte Visa-Regelungen für Technologie-Fachkräfte und vor allem ein dauerhaftes Engagement politischer und wirtschaftlicher Führungspersönlichkeiten auf beiden Seiten, um jene tiefen persönlichen Beziehungen aufzubauen, auf denen letztlich alle großen Partnerschaften beruhen.
Indien wurde von renommierten Politikwissenschaftlern wie Herfried Münkler als aufstrebende Macht und als mögliche fünfte Weltmacht der Zukunft beschrieben. Wohin entwickelt sich Ihr Heimatland Ihrer Einschätzung nach in den kommenden Jahren?
Ich würde es lieber als eine wiederaufstrebende, hochgradig dynamisierte Macht bezeichnen. Ihren deutschen Lesern würde ich sagen: Machen Sie nicht den Fehler, Indien durch die Brille der Entwicklungsökonomie oder des geopolitischen Schachspiels zu betrachten. Indien ist die älteste ununterbrochene Zivilisation der Welt, mit einer eigenen, kohärenten und zutiefst anspruchsvollen Vorstellung von Zukunft. Es schadet nicht, daran zu erinnern, dass Indien der Geburtsort der Mathematik, des Zahlen- und Dezimalsystems, der Null und weiterer Grundlagen ist, ohne die Ingenieurwesen und Wissenschaft nicht möglich wären. Die Partnerschaft zwischen Indien und Deutschland wird genau in dem Maße gedeihen, in dem sie auf echtem intellektuellem Respekt beruht.
Die amerikanische digitale Revolution wäre
ohne indische Ingenieure nicht möglich gewesen.
Das wiederaufstrebende Indien hat das Potenzial, nicht nur seine Bevölkerung weiter aus der Armut zu führen, sondern durch seine Innovationen in Fintech, Healthtech, Raumfahrttechnologie und Agrarinnovation die gesamte Welt reicher zu machen. Inder lösen Probleme von außergewöhnlicher Komplexität mit einem Erfindungsreichtum, den ich ehrfurchtgebietend finde. Die amerikanische digitale Revolution wäre ohne indische Ingenieure nicht möglich gewesen. Ich weiß das, weil ich einer derjenigen war, die dabei geholfen haben, sie in die Vereinigten Staaten zu bringen. Die Vereinigten Staaten schulden Indien eine Dankbarkeit, die selten mit der Ehrlichkeit anerkannt wird, die sie verdient.
Welche Wissensrevolution Deutschland und Europa als Nächstes auch anstreben mögen: Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Indien der Partner sein wird, der den Unterschied zwischen Ambition und tatsächlicher Verwirklichung ausmacht.
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