„Fußball ist längst mehr als nur Sport“
Marko Rehmer kennt den Profifußball aus der Kabine, vom Spielfeld und aus der unternehmerischen Perspektive. Der frühere Nationalspieler und Vizeweltmeister von 2002 war beim Wirtschaftsforum NEU DENKEN 2026 im Castillo Hotel Son Vida in Palma zu Gast – als Referent auf der Bühne und im Gespräch für den WilliPedia Podcast.
Mit Podcast-Produzentin Timothea Imionidou spricht Rehmer über den modernen Fußball als wirtschaftliches Hochleistungssystem. Es geht um internationale Wettbewerbsfähigkeit, den Druck auf junge Talente, Karriereentscheidungen und die Frage, warum professionelle Begleitung schon während der aktiven Laufbahn wichtig ist.
Als CEO von TIMESCORE und Gesellschafter bei INTEAMSPORTS beschäftigt sich Rehmer heute mit Spielerkarrieren, Beratung, Entwicklung und finanzieller Absicherung nach dem Profisport. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Sportler frühzeitig Strukturen für die Zeit nach der Karriere schaffen können.
Außerdem blickt die Folge auf die Fußballweltmeisterschaft 2026 in den USA, Kanada und Mexiko: neues Turnierformat, große logistische Herausforderungen und der zunehmende Einfluss von Daten, Leistungsanalyse und künstlicher Intelligenz. Dabei bleibt die zentrale Frage: Wie viel Technik verträgt ein Spiel, das von Erfahrung, Intuition und Individualität lebt?
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Timothea Imionidou
Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe unseres Willipedia Podcasts. Mein Name ist Timothea Imionidou. Ich bin Podcast Producerin der PlattesGroup. Wir sind heute nicht in unserem Studio, sondern im Castillo Hotel Son Vida in Palma, bei unserem Wirtschaftsforum NEU DENKEN. Und natürlich nehmen wir auch hier wieder spannende Gespräche auf. Heute bei mir ist Marko Rehmer. Wir richten den Blick auf den Profifußball, auf ein System, in dem Druck, Geschwindigkeit, Wettbewerb, Führung und wirtschaftliche Interessen täglich aufeinandertreffen. Marko Rehmer ist ehemaliger deutscher Nationalspieler, Vizeweltmeister von 2002, heute CEO von TIMESCORE und Gesellschafter von inteamsports. Hallo Herr Rehmer, schön, dass Sie hier sind.
Marko Rehmer
Ja, schönen Dank für die Einladung.
Timothea Imionidou
Sehr gerne. Auch schön, dass Sie bei unserem Forum sind. Ich freue mich wirklich sehr, dass Sie da sind. Ich habe normalerweise viele Politiker und Menschen aus der Wirtschaft hier vor dem Mikrofon. Aber Fußball ist bei mir ein emotionales Thema. Deshalb bin ich auch ein bisschen nervös.
Marko Rehmer
Welcher Verein?
Timothea Imionidou
Also, ich kann nichts dafür. Mir wurde die Liebe zum Fußball, die Liebe zum FC Bayern und die Liebe zu Olympiakos Piräus wortwörtlich mit in die Wiege gelegt. Wirklich von meinem Opa. Als meine Mama mich und meinen Bruder bekommen hat, kam er nicht mit einem Blumenstrauß, sondern mit einem Bayerntrikot und Fußballschuhen ins Haus.
Marko Rehmer
Also ein Klassiker.
Timothea Imionidou
Der Klassiker. Deshalb freue ich mich umso mehr. Aber es soll natürlich nicht um mich gehen, sondern um Sie. Wir sind hier beim Wirtschaftsforum NEU DENKEN. Es geht um Transformation, Wettbewerb und Zukunftsfähigkeit. Wenn Sie auf den Profifußball blicken: Warum ist Fußball heute viel mehr als nur Sport?
Marko Rehmer
Ja, das ist er wirklich. In erster Linie ist es natürlich wichtig, guten Sport abzuliefern, um auch wirtschaftlich in neue Sphären vorzudringen. Ich glaube, die sportliche Entwicklung eines Vereins ist enorm wichtig. Man sieht es ja beim FC Bayern: wie lange der Verein schon an der deutschen Spitze steht, wie er wirtschaftet und welche Möglichkeiten daraus entstehen. Andere Vereine hinken da schon ziemlich hinterher. Man merkt immer mehr, dass das Wirtschaftliche im Fußball eine sehr große Rolle spielt. Früher waren es vor allem Trikotverkäufe. Heute steckt in einem Verein noch viel mehr. So tief stecke ich da auch nicht drin, aber man muss klar sagen: Um international mitzuhalten, muss man auch wirtschaftlich nachlegen. Für die Bundesliga reicht es noch, aber international wird es immer schwerer. Dort werden ganz andere Summen gezahlt, und es dürfen andere Investoren einsteigen. Wir haben immer noch diese 50 plus 1 Regel, die ich grundsätzlich gut finde. Aber wenn die Bundesliga wirtschaftlich mit großen internationalen Vereinen mithalten will, muss sie noch ein bisschen nachlegen.
Timothea Imionidou
Absolut. Sie haben selbst auf höchstem Niveau Fußball gespielt. Da herrscht ja auch sehr viel Druck, gerade als Spieler. Wie geht man mit diesem Druck um, vor allem als junger Spieler?
Marko Rehmer
Das lernt man mit der Zeit. Man muss es auch lernen. Ich habe mit inteamsports eine Spieleragentur und kann jungen Spielern vieles mitgeben. Das eine sind natürlich die fußballerischen Voraussetzungen und das Talent. Aber mit dem Druck umzugehen, ist schon enorm wichtig. Der Sprung aus dem Jugendbereich in den Männerbereich ist sehr groß. Viele junge Talente, auch richtig gute Spieler, die in Nachwuchsnationalmannschaften gespielt haben, schaffen diesen Sprung nicht, weil sie mit diesem Druck nicht klarkommen. Was ich meinen Spielern immer sage: Man muss ein bisschen in Jahren denken. Man darf nicht sagen: Jetzt habe ich es geschafft, ich habe meinen Profivertrag, auch wenn ich kaum spiele. Darauf sollte man sich nicht ausruhen. Es ist wichtig, den jungen Spielern mitzugeben, dass es irgendwann ihr Job ist. Damit muss man umgehen. Aber gerade in jungen Jahren ist es sehr schwer, diesen Sprung zu schaffen.
Timothea Imionidou
Sie haben es gerade angesprochen: Als Gesellschafter von inteamsports beschäftigen Sie sich mit Spielerkarrieren, Beratung und Entwicklung. Was brauchen junge Talente heute noch, außer dem Druck standzuhalten, um im Profifußball nicht nur anzukommen, sondern langfristig stabil zu bleiben?
Marko Rehmer
Genau darum geht es. Man muss jungen Spielern ein paar Dinge mitgeben. Das eine ist natürlich das Talent, also die fußballerische Fähigkeit. Aber es gehören viele andere Dinge dazu, natürlich auch Glück. Man kann eine schwere Verletzung bekommen. Manchmal hat man auch Trainer, die einfach auf andere Spielertypen setzen oder andere Spieler bevorzugen. Das sind alles Dinge, die man jungen Spielern erklären muss. Man muss ihnen sagen: Bleib dran, arbeite hart an deinen Fehlern und Schwächen, ohne deine Stärken zu vernachlässigen. Es ist ein schmaler Grat, weil Spieler auch ungeduldig werden. Wenn sie nicht spielen, wollen sie oft woanders hin. Das ist manchmal der leichte Weg. Ich sage dann: So einfach ist es nicht. Setz dich hier durch. Der Trainer muss irgendwann auf dich zurückkommen. Das sind Dinge, die man mitgeben kann. Wenn ein Spieler das versteht, kommt er rein und macht nicht nur ein, zwei oder zehn Bundesligaspiele, sondern vielleicht 100 oder 150.
Timothea Imionidou
Wie wichtig ist es, sich für die Zeit danach abzusichern? Und wie war das bei Ihnen selbst? Haben Sie als Spieler schon an die Zukunft gedacht, um sich abzusichern?
Marko Rehmer
Ich muss schon sagen, dass ich da ein bisschen weitergeschaut habe. Das fing schon bei der Krankenversicherung an. Man hat einen gut dotierten Vertrag. Aber was passiert im Fall einer Verletzung? Es gibt sechs Wochen Lohnfortzahlung und dann fällt man wirklich in ein Loch. Das abzusichern, war für mich die erste und oberste Prämisse. Viele Spieler sehen nur das, was sie auf dem Konto haben. Dann kaufen sie sich noch eine Uhr oder ein Auto. Da ist es wichtig, mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Ich bin kein Finanzexperte und würde mir nie anmaßen, da Tipps zu geben. Aber ich schaue, dass ich entsprechende Leute hinzuhole, die sich in diesem Bereich auskennen und den Spielern den richtigen Input geben können. In meiner Karriere habe ich viele Spieler gesehen, die wirklich gutes Geld verdient haben und am Ende trotzdem leer ausgegangen sind.
Timothea Imionidou
Man denkt ja, dass Spieler heutzutage automatisch begleitet und beraten werden.
Marko Rehmer
Das sollte man denken, aber es ist nicht immer so. Es gibt natürlich große Agenturen, die solche Themen schon abdecken. Als Spieler muss man dann aber auch Vertrauen zu den jeweiligen Personen finden, die sich um das verdiente Geld kümmern. Wie gesagt, große Spieleragenturen haben diese Beratung inzwischen teilweise integriert. Und das ist enorm wichtig. Damit kommen wir auch zu TIMESCORE. Wir sind gerade dabei, die Zeit nach dem Fußball abzudecken. Ein Spieler hat vielleicht einen Dreijahresvertrag bis 28. Er weiß nicht, ob er verlängert wird oder nicht. Vielleicht kommt eine Verletzung dazwischen. Dann wird der Vertrag nicht verlängert, und er fällt erstmal in ein Loch. Man hat ein gutes Gehalt und fällt danach auf null. Über die Zeit kann man das abdecken. Wir sind dabei, im Fußball Zeitwertkonten aufzubauen. Man kennt das auch aus der Wirtschaft. Der Spieler kann in der Zeit, in der er sehr gutes Geld verdient, Geld aus dem Bruttogehalt zurücklegen. Es wird dann später normal versteuert und sozialversichert. So kann man eine Übergangszeit absichern. Dann muss man vielleicht nicht sofort eine Immobilie verkaufen oder andere Dinge auflösen, wenn man Geld braucht. Das ist entscheidend.
Timothea Imionidou
Das ist gerade für junge Menschen wichtig, damit sie nicht allein gelassen werden. Als Außenstehender denkt man oft: Ein Profifußballer verdient so viel Geld, das reicht doch auch für danach. Aber es ist natürlich auch ein ganz anderer Lebensstil, der geführt wird.
Marko Rehmer
Ja, aber das, was man liest, sind meistens nur die fünf bis zehn Prozent, die wirklich in Sphären verdienen, bei denen man sagt: Wenn die etwas zurücklegen, wäre das nicht nötig. Aber es gibt so viele andere. Spieler aus kleineren Mannschaften, junge Spieler, die hochkommen, zweite Liga, dritte Liga, Frauenbundesliga. Es betrifft nicht nur die Männerwelt. Auch der Frauenfußball ist enorm wichtig. Dort zu helfen, ist wichtig. Leider wird es noch nicht ausreichend angeboten. Wir waren auch beim DFB und bei der DFL. Die Mühlen mahlen langsam. Deshalb haben wir gesagt: Wir gehen jetzt stärker in die Offensive und stellen den Vereinen nach und nach das Konzept vor. Die Vereine sagen immer: Wir kümmern uns um die Spieler. Jetzt können sie es zeigen.
Timothea Imionidou
Genau. Das ist dann nicht nur reden, sondern auch tatsächlich machen. Das ist eine gute Sache. Zum Thema Geldverdienen habe ich wieder eine Anekdote von meinem Opa. Ende der 40er Jahre hat er quasi Profifußball gespielt. In der Familie sagt man immer: So wie er gespielt hat und in der Liga, in der er gespielt hat, hätte er heute Millionen verdient. Er hat damals sogar um den griechischen Pokal gespielt. Aber damals war es so: Wenn sie gewonnen haben, gab es ein Abendessen. Wenn sie verloren haben, sind sie nach Hause und haben ferngesehen.
Marko Rehmer
Alles zu seiner Zeit.
Timothea Imionidou
Genau. Das war Ende der 40er, Anfang der 50er Jahre. Interessant war auch: Es waren zehn Geschwister, alles Jungs, und sie haben in Patras in unterschiedlichen Vereinen gespielt. Sie haben also immer gegeneinander gespielt. Wenn sie zu Hause beim Abendessen waren, hat ihre Mutter ihnen verboten, über Fußball zu reden. Aber gut, das war nur ein kleiner Exkurs.
Marko Rehmer
Ob das so gut gelungen ist, weiß man nicht.
Timothea Imionidou
Schauen wir auf die Fußballweltmeisterschaft 2026. Sie wird in den USA, Kanada und Mexiko ausgetragen und durch das neue Format größer als je zuvor. Was erwarten Sie sportlich und organisatorisch von dem Turnier?
Marko Rehmer
Organisatorisch ist das natürlich schon eine Herausforderung. Wenn ich sehe: Wir spielen einmal in Philadelphia, dann müssen wir nach Toronto und dann wieder nach Philadelphia. Das ist logistisch ordentlich. Auch der CO₂ Fußabdruck ist ein Thema. Meines Erachtens ist das einfach zu groß. Ich glaube, den Reisestress sollte man nicht unterschätzen. Auch die Temperaturen vor Ort werden eine Rolle spielen. Es soll ja sehr warm werden. Von daher bin ich kein großer Freund davon, so lange Wege zwischen den Spielen zu haben. Rein sportlich finde ich es sehr interessant, dass viele Mannschaften dabei sind, gerade auch in unserer Gruppe mit Curaçao. Darauf freue ich mich. Ich bin gespannt, wie sie spielen. Es ist natürlich auch eine Chance für kleinere Länder und kleinere Nationen, sich auf so einer Bühne zu zeigen und zu präsentieren. Von daher finde ich es nicht schlecht. Viele meckern, weil es noch mehr Spiele gibt. Aber natürlich bedeutet das auch mehr Geld und mehr Einnahmen. Da sind wir wieder bei der ersten Frage: Es geht immer auch darum, wo man wie viel einnehmen kann, ohne dass es zu viel wird. Wenn man das noch weiter aufstocken würde, wovon ich nicht ausgehe, fände ich es schwierig. So finde ich es noch okay. Für unsere deutsche Mannschaft gilt: Die letzten zwei Weltmeisterschaften waren wir nicht besonders erfolgreich. Dadurch, dass jetzt auch die besten Gruppendritten weiterkommen, glaube ich, dass wir diesmal die Vorrunde überstehen.
Timothea Imionidou
Das wird auf jeden Fall spannend. Ich möchte noch auf das Thema KI kommen. Der Fußball wird immer stärker datengetrieben: Leistungsanalyse, künstliche Intelligenz und vieles mehr. Wo sehen Sie die größten Chancen? Und wo bleiben Erfahrung und Menschenkenntnis vielleicht auf der Strecke oder unersetzlich?
Marko Rehmer
Zum Glück gab es das zu meiner Zeit nicht. Ich weiß nicht, ob ich der trainingsfleißigste Spieler war. Wenn heute wirklich jede einzelne Bewegung und jeder einzelne Laufweg aufgezeichnet und überwacht wird, fehlt mir irgendwann ein bisschen die Eigeninitiative des Trainers und des Trainerteams. Man schaut dann nur noch auf den Laptop und sagt: Warum bist du da eingelaufen? Zeig mal her. Natürlich kann man Dinge heute besser darstellen. Das gesehene Bild ist immer stärker, als wenn man nur etwas behauptet. Früher hat der Trainer gesagt: Warum bist du dahin gelaufen? Und der Spieler hat gesagt: Bin ich doch gar nicht.
Timothea Imionidou
Heute ist das alles sichtbar.
Marko Rehmer
Genau. Deshalb sage ich: Zum Glück gab es das zu meiner Zeit nicht. Heute wirst du auf dem Platz Schritt für Schritt überwacht. Der Puls, die Daten, alles kommt mit rein. Die sehen ja schon im Training, wenn du einen zu hohen Puls hast. Dann heißt es vielleicht: Da bahnt sich eine Krankheit an, geh mal lieber raus. Das ist auch nicht grundsätzlich verkehrt. Aber es führt dazu, dass man manchmal nicht mehr über den Punkt hinausgeht. Dann heißt es: Das machen wir lieber nicht, du hast einen zu hohen Puls.
Timothea Imionidou
Gerade dieses Vertrauen auf das eigene Gefühl geht dann vielleicht ein Stück weit verloren.
Marko Rehmer
Absolut. Das geht total verloren. Ich bin ein Freund davon, dass ein Trainer auch seine eigenen Ideen einbringt und nicht nur jemanden neben sich hat, der auf dem Laptop noch ein paar Dinge zeigt.
Timothea Imionidou
Man hat das Gefühl, dass auch dort ein bisschen Individualität verloren geht.
Marko Rehmer
Absolut. Sowohl bei den Spielern als auch bei den Trainern.
Timothea Imionidou
Vielen lieben Dank, Herr Rehmer. Danke für das Gespräch und schön, dass Sie hier sind.
Marko Rehmer
Gerne. Danke.
Timothea Imionidou
Und Ihnen natürlich wieder vielen lieben Dank fürs Zuhören und fürs Zusehen. Alle weiteren Informationen finden Sie auf willipedia.plattes.net.
Autorin: Timothea Imionidou / Mitarbeit: C. Schittelkopp
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