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„Perfektion darf nicht zum Feind des Fortschritts werden“

Prof. Dr. Dr. Ann-Kristin Achleitner, Referentin beim Wirtschaftsforum NEU DENKEN, über Deutschlands Umsetzungsdefizit, Innovation, Kapitalmärkte und die Kraft von Familienunternehmen.

Prof. Dr. Dr. Ann-Kristin Achleitner ist Direktorin des Center for Entrepreneurial and Financial Studies an der Technischen Universität München sowie Aufsichtsrätin und stellvertretende Vorsitzende des Investitions- und Innovationsbeirats beim Bundesfinanzministerium. Sie zählt zu den profiliertesten Stimmen, wenn es um Unternehmertum, Kapitalmärkte, Innovation und die Zukunftsfähigkeit des Standorts Deutschland geht. 

Ann-Kristin Achleitner war beim Wirtschaftsforum NEU DENKEN 2026 im Castillo Hotel Son Vida in Palma zu Gast – als Referentin auf der Bühne und im Willi-pedia Podcast.

Im Gespräch Podcast-Produzentin Timothea Imionidou geht es um die Frage, warum Deutschland zwar viel analysiert, aber zu selten konsequent handelt. Achleitner spricht über Risikoaversion, Bürokratie, den Akrasie-Effekt und die Herausforderung, aus Forschung, Kapital und industrieller Substanz echte Zukunftsdynamik zu entwickeln.

Ein besonderer Fokus liegt auf Familienunternehmen, Start-ups und dem europäischen Kapitalmarkt. Warum langfristiges Denken ein großer Vorteil sein kann, wann es zur Bremse wird und weshalb Europa mehr privates Kapital für Schlüsseltechnologien wie Künstliche Intelligenz, Energie, Quantentechnologie und Verteidigung mobilisieren muss, erklärt Achleitner klar und praxisnah.

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07. Juni 2026

Timothea Imionidou
Hallo und herzlich willkommen zu unserem Willi-pedia Podcast. Mein Name ist Timothea Imionidou und ich spreche heute mit Frau Prof. Dr. Dr. Ann-Kristin Achleitner. Sie ist Direktorin des Center for Entrepreneurial and Financial Studies an der TU München, Aufsichtsrätin und stellvertretende Vorsitzende des Investitions- und Innovationsbeirats beim Bundesfinanzministerium. Sie zählt außerdem zu den profiliertesten Stimmen, wenn es um Unternehmertum, Kapitalmärkte, Innovation und die Zukunftsfähigkeit des Standorts Deutschland geht. Hallo Frau Prof. Achleitner, schön, dass Sie heute bei uns sind.

Prof. Dr. Dr. Ann-Kristin Achleitner
Hallo, ich freue mich, bei Ihnen zu sein.

Timothea Imionidou
Unser Wirtschaftsforum NEU DENKEN: Wie war es denn für Sie? Also abgesehen davon, dass Sie natürlich bei uns auf der Bühne standen. Wie war für Sie das ganze Event?

Prof. Dr. Dr. Ann-Kristin Achleitner
Sehr spannend. Ich war ja ehrlich gesagt vor fünf oder sechs Jahren schon einmal da, als es noch sehr viel kleiner war. Wobei die besondere Stimmung dieses Events damals schon bestand. Dass man in sehr herzlicher Atmosphäre sehr ehrlich und sehr substanziell miteinander redet. Also ich habe viel mitgenommen, auf verschiedenen Ebenen.

Timothea Imionidou
Sehr schön. Das ist ja auch immer wichtig. Man gibt etwas und nimmt auch wieder etwas mit. Und Sie standen natürlich auch auf der Bühne. Ihr Thema lautete: „Deutschland zwischen Einsicht und Umsetzung. Warum fällt es uns so schwer?“ Warum fällt es uns so schwer, aus richtiger Analyse konsequentes Handeln zu machen? Es wird immer von Analyse gesprochen, und wir sind Experten im Analysieren. Aber bis zum Handeln fehlt ja noch ein bisschen was.

Prof. Dr. Dr. Ann-Kristin Achleitner
Absolut richtig. Denn aus Erkenntnis allein erzeugen wir noch keine Veränderung. Und wie Sie sagen: Wir leiden ja wirklich nicht an einem Erkenntnisdefizit, sondern an einem Umsetzungsdefizit. Was hakt in diesen ganzen Bereichen Digitalisierung, Energie, Demografie, Verteidigungsfähigkeit und Innovationsförderung? Sie sehen, ich kann eine ganze Liste aufzählen. Das ist ja offensichtlich. Was uns bremst, ist meines Erachtens vor allem auch ein mentales Thema.
Wir sind sehr risikoorientiert, oder besser gesagt: Wir haben eine hohe Risikoaversion, auch weil es uns in der Vergangenheit so gut ging. Wir haben ja einiges zu verlieren, das verstehe ich. Wir haben auch den Wunsch, wenn wir etwas umsetzen, möglichst alle Eventualitäten auszuschließen. Im Zuge dessen haben wir relativ komplexe Entscheidungsstrukturen aufgebaut.
Und das führt eben zu dem, was man „Paralyse durch Analyse“ nennt. Es ist aber nicht nur so, dass das eine Besonderheit von uns ist, sondern die Welt dreht sich immer schneller. Wir haben immer mehr Probleme, an die wir uns anpassen müssen. Geschwindigkeit selbst wird damit zu einem Wettbewerbsfaktor. Und da darf unsere Perfektion nicht zum Feind des Fortschritts werden.

Timothea Imionidou
Aber warum ist das so? Hat es mit der Mentalität zu tun?

Prof. Dr. Dr. Ann-Kristin Achleitner
Man muss zuerst sagen, dass es ein tief menschliches Phänomen ist. Wir haben das ja nicht nur in der Politik. Jeder Einzelne von uns kennt das. Geben Sie zu: Sie essen auch sehr häufig einen Chip, obwohl Sie wissen, dass Sie das eigentlich lassen sollten. Also ich zumindest. Oder man verschiebt etwas. Man weiß, man sollte es tun. Ich glaube, jeder Einzelne kennt diesen Effekt, wenn er ehrlich ist. Und wahrscheinlich wollten wir alle schon einmal unseren Keller aufräumen.
Bei Unternehmen ist das zum Beispiel ein ganz wesentlicher Effekt, den wir auch sehen. Wir empfinden, dass der Innovationsdruck noch nie so hoch war, und fühlen uns gleichzeitig, wie eine Studie von Boston Consulting gezeigt hat, so wenig innovationsbereit wie seit Jahren nicht mehr.
Da ist ein echtes Auseinanderklaffen. Von daher spielt ein Mentalitätsthema mit hinein. Und ich glaube, wir müssen uns alle an die eigene Nase fassen und Teil der Lösung sein, nicht Teil des Problems. Wir müssen, wie das hier ja auch geschehen ist, darüber nachdenken: Was kann man jetzt aktiv machen? Jeder auf seine Art.

Timothea Imionidou
Sie haben auf der Bühne auch den Begriff des Akrasie-Effekts oder Akrasia-Effekts genannt. Ist es vor allem ein politisches Problem oder betrifft das auch Unternehmen, Verwaltung, Kapitalgeber und Gesellschaft?

Prof. Dr. Dr. Ann-Kristin Achleitner
Das betrifft mit Sicherheit alle Bereiche, die Sie aufgezeigt haben. Es war so, dass Frau Christiansen gesehen hatte, dass ich einmal über dieses Phänomen im Bereich der Unternehmen geschrieben hatte, und das aufgegriffen hat. Ich bin ja, wie Sie angesprochen haben, stellvertretende Vorsitzende des Investitionsbeirats. Dieses Sondervermögen ist eigentlich ein sehr schönes Beispiel für das, worüber wir sprechen.
Es ist ja genau der Versuch zu sagen: Wir müssen konkret etwas machen. Damit soll man in die Umsetzung kommen. Damit sollen die Krankenhäuser besser aufgestellt werden, die Straßen gebaut werden, also all die Dinge, die wir anprangern, die jeden Einzelnen von uns stören und die auch für eine Demokratie wichtig sind, um zu sehen, dass der Staat funktioniert.
Deswegen habe ich über das Sondervermögen in dieser Rolle gesprochen und auch darüber, wo wir als Beirat in den ersten Empfehlungen, die wir gegeben haben, wesentliche Punkte sehen, um das zu überwinden.

Timothea Imionidou
Deutschland verfügt ja über viel Forschung, Kapital, industrielle Substanz und auch über viele starke Unternehmen. Warum entsteht daraus nicht quasi von selbst oder automatisch eine stärkere Zukunftsdynamik?

Prof. Dr. Dr. Ann-Kristin Achleitner
Das könnte man meinen, weil immer wieder davon gesprochen wird, was wir alles einzeln haben. Vor allem, da ich ja aus der Wissenschaft komme und dort viel Zeit verbracht habe: Wir haben sehr viel Grundlagenforschung, und das stimmt auch. Wir haben auch andere Dinge, die Weltklasse sind und die man umsetzen könnte.
Wichtig ist aber, dass Innovation kein lineares Modell ist. Damit Deutschland aus dieser exzellenten Forschung, aus starken Unternehmen, die ja wichtig sind, denn es geht um die Interaktion des Neuen mit dem Alten, und aus dem Kapital, das eigentlich vorhanden wäre, wirklich eine Verbindung schaffen kann, braucht es mehr. Damit aus Forschungserfolg global skalierbare Unternehmen werden, also wirklich neue DAX-Unternehmen, brauchen wir eine Reihe von Zutaten: Unternehmertum, Risikobereitschaft, die ich schon angesprochen habe, Wachstumsfinanzierung und, auch das ist sehr wichtig, eine internationale Ambition. Wir müssen wirklich spitze sein wollen.
Da haben die USA in vielerlei Hinsicht Vorteile, wenn es um diese Skalierung geht. Das ist ja im Moment das Zauberwort. Sie haben größere Kapitalmärkte, mehr Wachstumskapital und auch eine stärkere Kultur, groß zu denken, wenn es um Ehrgeiz geht. Ich halte es für falsch, jetzt das Silicon Valley kopieren zu wollen. Das ist sicher nicht der richtige Weg. Aber den Ehrgeiz, aus wissenschaftlicher Exzellenz globale Marktführer herauszuentwickeln, den sollten wir übernehmen.

Timothea Imionidou
Übernehmen und nutzen. Ein Begriff, der auch immer wieder fällt, ist Innovation. Wo liegen denn die größten Bremsen für Innovation?

Prof. Dr. Dr. Ann-Kristin Achleitner
Bei der Innovation müssen verschiedene Faktoren zusammenkommen. Ich stelle mir das manchmal wie eine chemische Reaktion vor. Es ist ein Zusammenspiel von Faktoren, die positiv funktionieren müssen. Und es gibt hemmende Faktoren, die es aufhalten. Im Prinzip kann so ein System nur so stark sein, wie es der stärkste Hemmschuh zulässt.
Ein Thema, über das wir immer wieder reden, ist Bürokratie und Regulierung. Wobei man sagen muss: Es geht nicht darum, dass Regulierung an sich schlecht ist.

Timothea Imionidou
Nein, sie ist auch wichtig.

Prof. Dr. Dr. Ann-Kristin Achleitner
Im Gegenteil. Es muss einfach eine passende Regulierung sein. In manchen Bereichen, zum Beispiel bei der Fusionsenergie oder auch im Raumfahrtbereich, ist es für Innovation wichtig, dass wir neue Regulierungen schaffen, die einen passenden Rahmen ermöglichen.
Ganz wichtig ist aber auch die Kapitalmarktstruktur, die bei uns nicht optimal ist. Wenn wir den Kapitalmarkt in Europa stärker vereinen würden, wäre das ein ganz wesentlicher Schub, um mehr Innovation erzeugen zu können.

Timothea Imionidou
Welche Rolle spielt der Kapitalmarkt, wenn Europa unter anderem bei Technologie, Energie, Digitalisierung, aber auch Verteidigung unabhängiger werden will?

Prof. Dr. Dr. Ann-Kristin Achleitner
Er muss gar nicht unbedingt unabhängig werden, sondern vor allem größer, indem wir einen einheitlichen europäischen Kapitalmarkt schaffen. Und da spielt er wirklich eine zentrale Rolle, darüber wird zu wenig geredet.
Wir sprechen immer über einzelne Maßnahmen, die helfen. Aber es gibt ein paar wenige große Maßnahmen, die bahnbrechende Veränderungen hätten. Bei den Schlüsseltechnologien, über die wir reden und die wir in Europa brauchen, geht es um Energie, künstliche Intelligenz, Quantentechnologie und jetzt auch um das ganze Verteidigungsthema. Wenn wir technologisch souveräner werden wollen, wobei ich mit dem Wort vorsichtig bin, denn ganz souverän kann man in dieser Form vielleicht nicht sein, aber man kann natürlich souveräner sein oder weniger unsouverän, dann brauchen wir enorm viel Kapital. Viele dieser Themen setzen sehr starke Investitionen voraus.
Das können wir nicht nur mit öffentlichen Mitteln leisten. Egal, wie viel der Staat zur Verfügung stellt, wir brauchen private Mittel dazu. Wir haben viele private Mittel, denken Sie an Ersparnisse und auch an die Altersversorgung. Aber wir müssen diese Mittel produktiver einsetzen. Das wäre ein entscheidender Wettbewerbsvorteil, wenn wir hier vorankommen. Und es gibt ja erste positive Zeichen, dass das passieren könnte.

Timothea Imionidou
Familienunternehmen sind ja langfristig orientiert. Ist das in der aktuellen Lage eher ein Vorteil oder würden Sie sagen, dass es manchmal auch ein bisschen bremst? Dass dieses langfristige Denken manchmal zu vorsichtig macht?

Prof. Dr. Dr. Ann-Kristin Achleitner
Sie sprechen ein sehr spannendes Thema an: die Frage, inwieweit die Eigentümerstruktur eines Unternehmens Auswirkungen auf die Unternehmensstrategie und den Erfolg hat. Ein Thema, über das wir an der TU mit Kollegen wie Christoph Kaserer über zehn Jahre geforscht haben. Lassen Sie mich das etwas plakativ zusammenfassen, damit es kein wissenschaftlicher Vortrag wird.
Grundsätzlich ist es ein wirklich großer Vorteil. Familienunternehmen, wenn ich das jetzt so verstehe, dass ich nicht die erste Generation meine, denken generationenübergreifend, nicht quartalsweise. Das schafft Stabilität und Resilienz. Es ermöglicht, ganz anders zu investieren, weil man diese Entscheidungen selbst fällt.
Wir wissen, dass Venture-Capital-Unternehmen aus genau diesem Grund sehr gerne mit Familienunternehmen zusammenarbeiten. Aber man darf langfristiges Denken natürlich nicht mit Beharrung verwechseln. Das bedeutet gleichzeitig, und ich sprach ja Venture Capital an, dass man Veränderungen annimmt. Auch um Veränderungen anzunehmen und mutige Veränderungen zu machen, muss ich langfristig denken. Wenn ich kurzfristig denke, habe ich für manche dieser Änderungen gar nicht den Atem.
Deswegen würde ich sagen: Die erfolgreichsten Familienunternehmen haben zwei Eigenschaften. Eine langfristige Orientierung und gleichzeitig eine hohe Anpassungsfähigkeit.

Timothea Imionidou
Ja, aber man muss natürlich trotzdem auch am Zeitgeist bleiben. Die Veränderungen, die außen herum passieren, muss man ja auch aufnehmen und umsetzen.

Prof. Dr. Dr. Ann-Kristin Achleitner
Das ist eine interessante Frage, ob man sich so sehr vom Zeitgeist prägen lassen muss. Das hängt natürlich sehr stark davon ab, in welchem Bereich man tätig ist.

Timothea Imionidou
Von der Branche?

Prof. Dr. Dr. Ann-Kristin Achleitner
Genau. Wenn Sie in einem kundenorientierten Bereich tätig sind, dann sind Sie natürlich verloren, wenn Sie den Zeitgeist nicht berücksichtigen. Wenn Sie Maschinenbauer sind, dann sind solche Veränderungen vielleicht auf der Personalseite wichtig, aber natürlich auch auf der Kundenseite. Da würde ich dann stärker mit stabilen Werten arbeiten.
Die Frage ist auch: Wie setzt man Zeitgeist um und bewahrt gleichzeitig den wirklichen Wertekern, den Familienunternehmen haben? Das ist eine wichtige Sache, denn dieser Wertekern sollte nicht beliebig sein.

Timothea Imionidou
Absolut. Und je nach Branche passieren Veränderungen schneller oder weniger schnell, oder?

Prof. Dr. Dr. Ann-Kristin Achleitner
Genau, das können wir ganz deutlich sehen. Und das hat sehr weitreichende Konsequenzen. Wenn wir Bereiche wie die sogenannten Fast Moving Consumer Goods sehen, dann sind diese sehr schnell. Sie verlangen einen anderen Führungsstil. Sie verlangen zum Beispiel auch andere Mechanismen bei der Auswahl von Nachfolgern. Das sind sehr differenzierte Anforderungen, die man da stellen kann.

Timothea Imionidou
Ganz spannend.

Prof. Dr. Dr. Ann-Kristin Achleitner
Und toll, dass wir solche Familienunternehmen haben.

Timothea Imionidou
Start-ups haben wir hier beim Wirtschaftsforum NEU DENKEN auch immer mit dabei. Was können etablierte Unternehmen von Start-ups lernen, ohne an Tradition zu verlieren?

Prof. Dr. Dr. Ann-Kristin Achleitner
Ich glaube, das Wichtige ist nicht, dass alle gleich werden, sondern dass man verschiedene Fähigkeiten hat und kombiniert oder sich Einzelnes herauspickt. Neben der ungeheuren Dynamik, die ich beeindruckend finde und die ich sehr genieße, weil ich sie durch den Kontakt mit vielen jungen Unternehmern am Rande miterlebe, ist es vor allem die Geschwindigkeit, die sich daraus ergibt.
Über Geschwindigkeit haben wir ja schon gesprochen. Wesentlich ist auch die absolute Kundennähe, die man haben muss, um etwas Neues aufzubauen. Familienunternehmen sind in der Regel kundennah, aber Start-up-Unternehmer müssen das natürlich noch mehr sein. Und ich muss auch Experimentierfreude und diese Anpassungsfähigkeit haben, um das Richtige herauszufinden.
Ich würde sagen: Unsicherheit ist für ein Start-up kein Ausnahmezustand, sondern der Normalzustand. Das heißt, sie müssen schneller testen und lernen und gehen damit auch resilienter um.
Von daher würde ich sagen, dass Start-ups von etablierten Unternehmen viel über Qualität, Verlässlichkeit und nachhaltiges Wachstum lernen können. Es geht also in beide Richtungen. Die Zukunft liegt nicht im Gegensatz, sondern in der Verbindung der beiden Welten.

Timothea Imionidou
Dann kommen wir zu meiner letzten Frage: Wenn Sie Unternehmern, Familien, Investoren und Entscheidern hier auf dem Forum einen Rat mitgeben würden, worauf sollte man jetzt besonders achten?

Prof. Dr. Dr. Ann-Kristin Achleitner
Ich bin vorsichtig, hier jemandem einen Rat mitzugeben. Aber ich glaube wiederum, in Abhängigkeit von der jeweiligen Industrie, denn es ist natürlich etwas anderes, ob ich ein Produkt habe oder Arzneimittelhersteller bin: Wir müssen zwischen Perfektion und Exzellenz unterscheiden.
Qualität als Markenzeichen dürfen wir nicht aufgeben. Aber man sollte sie nicht mit maximaler Dauer erreichen. Wenn wir etwas machen, müssen wir es auch umsetzen.
Die andere Frage ist: Ich glaube, wir müssen uns stärker darauf einlassen, Umbruch als Chance zu sehen. Wir sehen Umbruch vor allem als etwas, das uns etwas wegnehmen kann, das uns herausfordert. Das ganze Wort und das, was wir im Moment erleben, ist sehr stark negativ geprägt.

Timothea Imionidou
Negativ.

Prof. Dr. Dr. Ann-Kristin Achleitner
Sehr negativ. Und wir müssen uns in all dem fragen: Welche Chancen können diese Risiken, diese neuen Strukturen für uns darstellen? Da gibt es sehr viele, die man annehmen muss.
Mich hat wahrscheinlich auch meine Zeit im Aufsichtsrat der Münchener Rück geprägt. Für die Münchener Rück ist Risiko an sich das Geschäft, auf dem alles aufbaut. Man kann das drehen und fragen: Was sind die Möglichkeiten, die wir in dieser komplett neuen Welt, die vor uns liegt, haben? Wo sollten wir besonders ansetzen?
Das gilt genauso für Unternehmen. Wir reden viel über Abhängigkeiten. In einer Welt, in der Technologie zu einer Verhandlungsmasse wird, müssen wir uns überlegen: Was haben wir eigentlich hier, was andere wirklich brauchen?
Um ein Beispiel zu nennen: Wir reden immer über Israel. Keine Chips ohne ASML. Aber ohne zwei deutsche Unternehmen, Zeiss und Trumpf, kann ASML bestimmte Dinge gar nicht leisten. An sehr vielen Stellen sind wir also bereits an entscheidenden Punkten, ohne dass wir uns dessen bewusst sind.
Das sollten wir als Land, wenn wir uns in dieser sehr viel härteren Welt wiederfinden, meines Erachtens stärker bedenken: Was sind neben den Dingen, die wir positiv aufbauen, die besonderen Stärken, die uns auch geopolitisch eine besondere Position geben? Und wie können wir diese ausbauen?

Timothea Imionidou
Also insgesamt auch keine Angst davor haben, ein bisschen Risiko einzugehen?

Prof. Dr. Dr. Ann-Kristin Achleitner
Risiko hat immer zwei Seiten. Es gibt dieses etwas überstrapazierte chinesische Bild, dass Krise zwei Seiten hat. Aber wichtig ist, dass wir uns nicht nur darauf fixieren, dass wir eine Vielzahl von Risiken haben. Und diese Risiken sind wirklich erdrückend. Man hat das Gefühl, aus allen Ecken kommen ständig neue Risiken.
Aber wir sollten stärker darauf schauen, dass wir uns in einem Umbruch befinden und dass diese Unklarheit, die dadurch entsteht, auch neue Möglichkeiten schafft. Wir haben in vielerlei Hinsicht eine exzellente Ausgangsbasis. Man muss sie greifen.
Ich glaube, gerade die immer wieder sichtbaren einzelnen Unternehmen, von denen ja auch manche hier sind, zeigen, dass man Chancen in einer neuen Welt sehen und daraus etwas aufbauen kann. Diese Unternehmen sollten uns allen ein Vorbild sein.

Timothea Imionidou
Ein schönes Schlusswort. Tausend Dank, dass Sie bei uns waren. Und Ihnen, liebe Zuhörer, natürlich vielen lieben Dank, dass Sie heute dabei waren. Alle weiteren Infos gibt es wie immer auf willipedia.plattes.net.

Autorin: Timothea Imionidou / Mitarbeit: C. Schittelkopp

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