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„Leistung muss sich wieder lohnen“

Marie-Christine Ostermann, Referentin beim Wirtschaftsforum NEU DENKEN, über den Mittelstand, Familienunternehmen und die Frage, warum Deutschland wieder attraktiver für Investitionen werden muss.

Marie-Christine Ostermann gehört zu den profilierten Stimmen des deutschen Mittelstands. Sie ist Präsidentin des Verbands DIE FAMILIENUNTERNEHMER und geschäftsführende Gesellschafterin des Lebensmittelgroßhändlers Rullko, einem Familienunternehmen mit mehr als 100 Jahren Tradition. Beim Wirtschaftsforum NEU DENKEN 2026 im Castillo Hotel Son Vida in Palma war sie als Referentin auf der Bühne und auch zu Gast im Willi-pedia Podcast.

Im Gespräch mit Podcast-Produzentin Timothea Imionidou spricht Ostermann über die Lage des deutschen Mittelstands, steigende Kosten, Bürokratie, Unternehmenssteuern und die Herausforderungen bei der Nachfolge in Familienunternehmen. Sie erklärt, warum viele Betriebe zwar resilient und langfristig orientiert sind, der Standort Deutschland aber zunehmend an Wettbewerbsfähigkeit verliert.

Dabei wird deutlich: Familienunternehmen denken in Generationen, investieren aus eigener Kraft und übernehmen Verantwortung für Mitarbeiter, Standorte und Zukunft. Gleichzeitig brauchen sie politische Rahmenbedingungen, die Investitionen ermöglichen, Leistung belohnen und Unternehmertum wieder stärker wertschätzen.

Trotz aller Herausforderungen bleibt Ostermann optimistisch. Denn die Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden, gehöre zur DNA vieler Familienunternehmen.

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10. Juni 2026

Timothea Imionidou
Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe unseres Willi-pedia Podcasts. Mein Name ist Timothea Imionidou. Ich bin Podcastproduzentin der PlattesGroup und spreche heute mit Marie-Christine Ostermann. Wir sind hier auf dem Wirtschaftsforum NEU DENKEN 2026. Marie-Christine Ostermann ist Referentin auf unserem Forum, Präsidentin von DIE FAMILIENUNTERNEHMER und geschäftsführende Gesellschafterin von Rullko. Hallo Frau Ostermann, schön, dass Sie bei mir sind.

Marie-Christine Ostermann
Hallo, sehr gern.

Timothea Imionidou
Sie haben bereits auf der Bühne gesprochen. Ihr Forumsthema lautete: „Germany’s Backbone: Mittelstand in Danger“. Ist der deutsche Mittelstand tatsächlich in Gefahr? Oder ist er vielleicht sogar robuster, als viele glauben?

Marie-Christine Ostermann
Grundsätzlich ist der deutsche Mittelstand sehr resilient und sehr standortverbunden. Er bietet gute, langfristig sichere Arbeitsplätze. Aber in den vergangenen Jahren ist dieses Rückgrat der deutschen Wirtschaft immer mehr ins Wanken gekommen, weil die Politik den Unternehmen in Deutschland immer höhere Kostenblöcke auferlegt, die wir schultern müssen. Langsam brechen immer mehr Unternehmen darunter zusammen, und die Insolvenzwelle rollt weiter. Wir bräuchten dringend Reformen und Entlastung, aber leider fehlt die Perspektive für grundlegende Reformen.

Timothea Imionidou
Das haben wir hier auf dem Forum auch schon das eine oder andere Mal ganz klar gehört. Sie sprechen ja nicht nur als Präsidentin von DIE FAMILIENUNTERNEHMER, sondern auch als geschäftsführende Gesellschafterin von Rullko. Wenn Sie morgens in den Betrieb schauen: Welches politische oder wirtschaftliche Problem ist ganz praktisch spürbar?

Marie-Christine Ostermann
Als Familienunternehmerin ist es mir ein großes Anliegen, profitabel zu sein und den Gewinn, den das Unternehmen erwirtschaftet, zum Großteil wieder reinvestieren zu können. Denn wir haben viele Zukunftsherausforderungen: Digitalisierung, KI und ökologische Transformation. Wir wollen uns zukunftsfähig aufstellen. Dafür braucht es viele Investitionen, auch um wieder Wirtschaftswachstum zu erreichen. Durch die immer höheren Kosten, zum Beispiel bei den Lohnzusatzkosten, die aktuell in Richtung 45 bis 50 Prozent steigen, bleibt immer weniger Geld übrig. Hinzu kommt die Unternehmenssteuerbelastung. Mein Unternehmen ist eine Personengesellschaft. Die Einkommensteuer ist also meine Unternehmenssteuer, und die ist in Deutschland extrem hoch. Durch die steigenden Kosten bleibt mir immer weniger Geld, um zu investieren.
Das ist ein Teufelskreis. Wir bräuchten Investitionen, um aus dieser Krise herauszukommen. Deswegen wäre eine Entlastung durch strukturelle Reformen so wichtig.

Timothea Imionidou
Sie haben es gerade schon angedeutet: Der Mittelstand gilt als Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Was macht dieses Modell so besonders? Und warum ist es nicht selbstverständlich, dass es stabil bleibt?

Marie-Christine Ostermann
Der deutsche Mittelstand ist tatsächlich sehr besonders, weil er langfristig orientiert ist. Familienunternehmer denken und handeln in Generationen und sind sehr verwurzelt am Standort. Die Mitarbeiter sind oft über viele Jahrzehnte und Generationen in den Unternehmen tätig. Familienunternehmer haften in der Regel auch langfristig mit eigenem Kapital für ihre Entscheidungen. Dadurch sind die Unternehmen meistens sehr gut und resilient aufgestellt. Trotzdem ist der Standort Deutschland inzwischen so teuer und nicht mehr wettbewerbsfähig, dass immer mehr Unternehmen unter der sehr hohen Kostenlast zusammenbrechen.

Timothea Imionidou
Mir fällt dabei auch das Thema Bürokratie ein. Das wird oft abstrakt beklagt. Wie wirkt sich Bürokratie im Alltag eines mittelständischen Unternehmens konkret aus?

Marie-Christine Ostermann
Bürokratie frisst sehr viel Zeit. Ungefähr 22 Prozent der gesamten Arbeitszeit unserer Mitarbeiter fließen in bürokratische Aufgaben. Das ist Energie, Zeit und Einsatz, die nicht auf das Kerngeschäft fokussiert werden können. Es geht dann weniger um Kundengewinnung, Kundenzufriedenheit, gute Leistung und Wachstum. Stattdessen müssen wir uns mit Regularien und sehr umfassenden Dokumentationen befassen. Natürlich hat das teilweise seine Berechtigung, aber es wird immer mehr und immer umfassender.
Wenn ich an die Arbeitszeiterfassung denke und an die Protokolle dazu, damit sich alles im gesetzlichen Rahmen befindet. Oder an neue Vorgaben wie das Transparenzgesetz oder das Tariftreuegesetz. Das ist alles zusätzliche Belastung, die nicht für Wertschöpfung und wirtschaftliches Wachstum eingesetzt werden kann, sondern unproduktiv gebunden wird.

Timothea Imionidou
Wie könnte man das vereinfachen?

Marie-Christine Ostermann
Man könnte beispielsweise alle Gesetze abschaffen, die nichts mit Wirtschaftswachstum zu tun haben, die nicht wachstumsfördernd sind und die Menschen vom Kerngeschäft abhalten. Man könnte Gesetze befristet einführen. Sie müssten sich innerhalb eines bestimmten Zeitraums bewähren und würden durch eine Sunset-Klausel auslaufen. Dann würde überprüft, ob sie überhaupt sinnvoll sind.
Man könnte auch die Regel einführen: Wenn ein neues Gesetz kommt, müssen zwei alte Gesetze abgeschafft werden. Außerdem könnte man Personal in den Bundesverwaltungen abbauen. Das steht sogar im Koalitionsvertrag. Das wäre sehr sinnvoll, weil staatliche Verwaltungen dadurch gezwungen wären, effizienter zu arbeiten, sich zu verbessern und in Digitalisierung zu investieren.
Das wäre der richtige Weg. Denn es würde weniger Kosten und damit Entlastung für die Unternehmen bedeuten.

Timothea Imionidou
Viele Unternehmerfamilien stehen vor Nachfolgefragen. Welche politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen erschweren Übergaben?

Marie-Christine Ostermann
Ein Riesenthema ist aktuell die Steuerbelastung in den Betrieben. Ich habe die Einkommensteuer bei Personengesellschaften bereits erwähnt. Das ist die Unternehmenssteuer, und sie ist sehr hoch. Jetzt ist auch im Gespräch, dass die Ausnahmen bei der Erbschaftsteuer für Betriebsvermögen von Familienunternehmen in Zukunft vielleicht abgeschafft werden könnten. Das schreckt sehr viele Nachfolger ab.
Ein Unternehmen zu übernehmen und weiterzuführen, muss sich erstens rechnen. Zweitens muss das Risiko gesehen und wertgeschätzt werden. Und man braucht Kapital für Investitionen, um Arbeitsplätze zu erhalten und Unternehmen fit für die Zukunft zu machen. Gerade Digitalisierung und Automatisierung sind Themen, die sehr viel Kapital benötigen. Dasselbe gilt für die ökologische Transformation.

Timothea Imionidou
Gibt es etwas, das die Politik sofort ändern könnte oder sollte, wenn sie Familienunternehmen und Mittelstand wirklich stärken will?

Marie-Christine Ostermann
Sie müsste die Steuern reformieren, damit es zu einer deutlichen Entlastung kommt. Der Staat müsste sich auf der anderen Seite aber auch selbst zurücknehmen, zum Beispiel Subventionen und Ausgaben kürzen. Dafür wäre es besonders wichtig, die sozialen Sicherungssysteme zu reformieren. Wahrscheinlich ist das sogar das Allerwichtigste.
Ich habe bereits erwähnt, dass die Abgaben in Richtung 50 Prozent vom Bruttolohn steigen. Da muss man ganz deutlich die Frage stellen: Welcher Arbeitnehmer hat dann noch Lust, in Deutschland zu bleiben und hier wirklich etwas zu leisten? Leistung muss sich lohnen. Andere Länder sind da viel attraktiver.
Auch Investoren investieren nicht in Deutschland, wenn sie wissen, dass immer mehr Menschen aus dem Land abwandern.

Timothea Imionidou
Andere Länder sind attraktiver. Welche Länder meinen Sie da konkret?

Marie-Christine Ostermann
Im Prinzip das gesamte europäische Umfeld. Deutschland ist Spitzenreiter bei den Steuern, aber auch bei den Sozialabgaben. Trotz Trump investieren viele in den USA, weil das Unternehmerbild dort deutlich positiver ist als in Deutschland. Leistung, Unternehmertum und Risiko werden dort gesehen und entsprechend wertgeschätzt.
Auch Asien und Südostasien bieten viele Möglichkeiten. Inzwischen gibt es sehr viele Optionen, auch woanders zu investieren, und das nutzen viele Menschen. Das ist schade. Es wäre schön, wenn wir auch in unserer Heimat wieder eine gute, langfristige Perspektive hätten, um dort zu investieren. Dafür müssen sich Investitionen aber mindestens über zwei Jahrzehnte rechnen können.

Timothea Imionidou
Wir wollen trotz aller Herausforderungen auch positiv rausgehen. Was gibt Ihnen Zuversicht, dass Familienunternehmen auch in Zukunft stark bleiben können?

Marie-Christine Ostermann
Mir gibt sehr viel Zuversicht, dass die Fähigkeit, sich immer wieder zu erneuern, zu hinterfragen und neu zu erfinden, in der DNA von Familienunternehmen liegt. Da denke ich auch an mein eigenes Unternehmen, das jetzt 103 Jahre alt ist. Es hat viele schwere Zeiten und Krisen überstanden, sich immer wieder neu erfunden und steht trotz aller Herausforderungen, die wir in Deutschland haben, ziemlich resilient da.
Das gibt mir Vertrauen und die Zuversicht, dass sich auch die Herausforderungen, vor denen wir in Deutschland jetzt stehen, meistern lassen. Aber dafür wird es Reformen brauchen.

Timothea Imionidou
Was ist das Rezept dafür, dass ein Familienunternehmen gut durch Krisen kommt?

Marie-Christine Ostermann
Viele Familienunternehmen sind vorsichtig in ihren Entscheidungen, besonders bei der Finanzierung. Die meisten sind stark eigenfinanziert. Natürlich nehmen sie auch Schulden auf, auch für Investitionen, aber in begrenztem Umfang. Vor allem nutzen sie viele eigene Mittel aus dem Gewinn des Unternehmens, die dann wieder reinvestiert werden.
Das macht viele Familienunternehmen sehr krisenresistent und unabhängig gegenüber Banken. So kommt man dann auch durch die eine oder andere Krise gut hindurch.

Timothea Imionidou
Also auf die nächsten 103 Jahre.

Marie-Christine Ostermann
Ja.

Timothea Imionidou
Vielen lieben Dank, Frau Ostermann.

Marie-Christine Ostermann
Ich danke Ihnen.

Timothea Imionidou
Und Ihnen natürlich auch vielen lieben Dank fürs Zuschauen und fürs Zuhören. Alle weiteren Informationen finden Sie wie immer auf willipedia.plattes.net.

Autorin: Timothea Imionidou / Mitarbeit: C. Schittelkopp

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